Radsport
Die Angst vor der Normalität

Drei Etappen hat die im Vorfeld von der Dopingproblematik beherrschte Tour der France nun hinter sich. Mit jedem Kilometer rollt sie ihrer vermeintlichen Normalität entgegen. Doch was passiert danach? Anti-Dopingkämpfer wie T-Mobile-Manager Bob Stapleton bezweifeln, dass der Radsport wirklich zur Erneuerung fähig ist.

COMPIÉGNE. Kurz nach halb zehn Uhr kam die Torte auf den Tisch. An der Tafel des kasachischen Teams Astana in einem Hotel in Gent wurden Kerzen entzündet und Stühle gerückt. Alexander Winokurow, Andreas Klöden und sechs ihrer Mannschaftskollegen erhoben sich von ihren Sitzen und gratulierten Andrej Kascheschkin zur Vaterschaft. Alles Gute!

An den Tischen nebenan wurde applaudiert – durch Fahrer und Funktionäre von T-Mobile, Discovery Chanel, Francaise des Jeux, AG2R und Predictor-Lotto. Schön war dies anzusehen, ein Hauch von Kuhstallwärme und Gemeinschaft durchwehte den Speisesaal des Hotels.

Die Tour rollt mit jedem Kilometer ihrer vermeintlichen Normalität entgegen. Schon in den Stunden zuvor bekamen die Zuschauer am Zielanstieg in Gent das Drama der Frankreichrundfahrt aufgeführt. Ein Massensturz kurz nach der „flamme rouge“, dem roten Dreieck, das den letzten Kilometer anzeigt. Und an der Spitze des Pelotons lieferten sich die beiden Belgier Tom Boonen und Gert Steegmans ein Foto-Finish.

Drei Etappen hat diese im Vorfeld von der Dopingproblematik beherrschte Tour nun hinter sich. Bob Stapleton sitzt im Cafe des Hotels und schaut auf die Feiergesellschaft unter ihm, dann sagt der Team-Manager des deutschen Rennstalls T-Mobile: „Ich habe große Bedenken, dass der angelaufene Anti-Dopingkampf nach der Tour wieder in sich zusammenfällt und alles bleibt, wie es ist.“

Alles, nur nicht Normalität. Doch der durch jahzehntelanges kollektives Dopen verschleierungserprobte Radsport rollt weiter.

In diesen Tagen versucht so mancher, die Gunst der Stunde zur Bagatellisierung der eigenen Historie zu nutzen. Gianluigi Stanga etwa. Der Milram-Teamchef, der von seinem früheren Angestellten beim Team Polti, Jörg Jaksche, unlängst der konzertierten Anleitung zum Doping beschuldigt wurde, meldete sich gestern in der Sportzeitung „L'Equipe“ zu Wort. In kruder Verdrehung der Tatsachen argumentierte der Italiener, Jaksche könne gar nicht Recht haben. Warum? „Er schildert das alles viel zu detalliert.“ Zudem sei Jaksche damals frisch von der Bundeswehr gekommen. „Sein Italienisch war noch nicht gut genug. Er hat da wohl was missverstanden.“ Stanga: „Ich werde ihn verklagen. Was er behauptet, stimmt einfach nicht.“

Seite 1:

Die Angst vor der Normalität

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%