Radsport Doping
IOC fehlen Beweise gegen Ullrich

Jan Ullrich droht derzeit keine Aberkennung der Olympia-Medaillen. "Aber wir bleiben da dran. Man braucht Beweise, um jemanden zu verurteilen", sagte IOC-Präsident Jacques Rogge.

Der frühere Toursieger Jan Ullrich muss nach jetzigem Stand nicht die Aberkennung seiner Olympia-Medaillen von 2000 fürchten. "Ein erstes Querlesen unserer Leute, die gut genug Deutsch sprechen, ergab, dass wir noch keine Spuren wirklich harter belastender Beweise haben finden können. Aber wir bleiben da dran. Man braucht Beweise, um jemanden zu verurteilen", sagte Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), im Interview mit der Tageszeitung Die Welt.

Der Bericht der Untersuchungskommission über die Dopingpraktiken des Teams Telekom an der Freiburger Universität, sei für das IOC wenig hilfreich gewesen, da es in erster Linie um die verdächtigen Ärzte gegangen sei. Daraufhin habe das IOC die Akten des Bundeskriminalamtes beantragt. Ende September habe Sportrechtsanwalt Dirk-Reiner Martens begonnen, die über 2000 Seiten Dokumente für das IOC zu sichten. Mit dem Bericht von Martens rechnet Rogge vor der IOC-Vollversammlung in Vancouver im Februar.

"Wir verfügen hier über kein Dokument des unumstößlichen Beweises von Doping. Es gibt viele Spekulationen, aber letztlich kann man jemanden nur auf einer eindeutigen Beweislage sperren. Er leugnet. Ist er glaubwürdig? Das müssen die Deutschen beurteilen", sagte der Belgier zum Fall Ullrich. Der frühere Telekom-Radstar hatte bei den Spielen in Sydney Gold im Straßenrennen und Silber im Einzelzeitfahren geholt.

Trotz der vielen Dopingfälle muss der Radsport die Streichung aus dem olympischen Programm nicht fürchten. "Solange der Verband wirklich ein Maximum an Maßnahmen im Antidopingkampf unternimmt, müssen wir ihn unterstützen. Der Radsport hat ein Dopingproblem. Darüber gibt es keinen Zweifel. Dafür sorgen zwei Faktoren: die Anzahl der Rennen und dass Radsport möglicherweise der härteste Ausdauersport ist, den es gibt. Dies fördert die Präsenz von Doping im Radsport im Vergleich zu anderen Sportarten", sagte Rogge, der eine Bewusstseinsänderung im Kampf gegen Doping bei UCI festgestellt habe und die Bemühungen im Kampf gegen die Betrüger lobte.

Rogge erwartet in Vancouver "vier bis fünf positive Dopingfälle"

Bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver rechnet Rogge indes mit einer geringen Anzahl an Dopingfällen. "Wir hatten sieben Fälle in Turin, sieben in Salt Lake City. In Vancouver würde ich den Durchschnitt von vier bis fünf positiven Dopingfällen erwarten", sagte der 67-Jährige und betonte, dass mehr getestet werden wird: "Wir werden die Anzahl der Tests um 60 bis 70 Prozent auf insgesamt 2000 erhöhen: 1 600 auf Urin, 400 auf Blut. Wir werden die Proben, wie jene von Peking, acht Jahre lang aufbewahren. Und wir werden wieder um Unterstützung durch die örtlichen öffentlichen Behörden bitten, wenn wir einen Verdacht hegen."

Derweil sieht Rogge den Dopingfall der fünfmaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein, deren vom Weltverband ISU verhängte Zweijahressperre durch den Obersten Sportgerichtshof CAS bestätigt worden war, noch nicht als beendet an. "Natürlich müssen wir die Entscheidung des Schweizer Berufungsgerichts abwarten. Aber für den Fall, dass es das Urteil bestätigt, ist es klar, dass das ISU-Verfahren vom CAS ratifiziert worden ist", sagte Rogge.

Er sieht in der Causa Pechstein keinen Sonderfall: "Die ISU entschied, dass eine Blutmanipulation vorgelegen hat, wahrscheinlich eine Transfusion, und sie wurde disqualifiziert. Ich glaube nicht, dass wir sie zu einem Sonderfall machen dürfen. Der CAS hat entschieden, dass das Verfahren gültig war. Der indirekte Nachweis ist vom Antidopingkodex der Weltantidopingagentur Wada zugelassen."

© SID

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