Radsport National
Scharping: "Ich mache mir Sorgen um den Radsport"

Am Samstag wird ein neuer BDR-Präsident gewählt. Die Kandidaten Rudolf Scharping und Dieter Berkmann stellten im sid-Doppelinterview ihre Pläne für die Zukunft des Radsports vor.

Der wochenlangen Schlammschlacht folgt der Showdown im Nobelhotel: Radfahrer-Präsident Rudolf Scharping stellt sich am Samstag auf der Bundesversammlung des BDR zur Wiederwahl, sein Herausforderer Dieter Berkmann will der Regentschaft des früheren Kanzlerkandidaten ein Ende setzen. Vor dem großen Finale sprachen beide Kandidaten in einem Doppel-Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) über die Situation im deutschen Radsport und ihre Pläne für die Zukunft.

sid: "Aufgrund der Kandidatur Dieter Berkmanns gibt es seit Jahren erstmals mehr als einen Bewerber um das Präsidentenamt des BDR. Haben Sie mit soviel öffentlicher Aufmerksamkeit vor den Wahlen gerechnet?"

Rudolf Scharping: "Nun, in der Öffentlichkeit gibt es generell ein großes Interesse daran, zu sehen, ob Leute aus ihren Ämtern abgeschossen werden. Insofern wundert mich die Aufmerksamkeit nicht."

Dieter Berkmann: "Nein, das haben wir überhaupt nicht erwartet. Wir sind total überrascht."

sid: "Herr Scharping, sie wurden heftig kritisiert, kandidieren aber trotzdem. Warum?"

Scharping: "Zunächst einmal: Ich klebe nicht an diesem Amt. Ich brauche auch diese Art von Rampenlicht nicht. Aber ich mache mir Sorgen um den Radsport. Die Mitglieder müssen nun entscheiden: Wer führt den BDR frei von Klüngel und eigenen Interessen? Wer führt den BDR so, dass die Kontakte zu Politik und Wirtschaft gehalten oder ausgebaut werden können?"

sid: "Herr Berkmann, was war der Auslöser für ihre Kandidatur?"

Berkmann: "Der Radsport hat in der Öffentlichkeit sehr gelitten, viele Sachen sind an die Öffentlichkeit gekommen, die da nicht hingehören. Für mich als Bahnfahrer darf es nicht passieren, dass wir keinen Einer-Verfolger und keinen Vierer zu Olympia schicken. Vielen Ex-Fahrern stoßen Dinge auf, die im BDR passieren. Meine Kandidatur ist der Versuch, etwas zu ändern."

sid: "Müssen die Strukturen im BDR geändert werden?"

Scharping: "Das haben wir ja vor. Ein Vizepräsident soll künftig mit dem Sportdirektor den Leistungssport koordinieren. Das muss ein fachlich versierter Mensch sein. Und das bedarf nur einer minimalen Satzungsänderung."

Berkmann: "Ja unbedingt. Es ist sehr wichtig, enger mit der Basis zusammenzuarbeiten. Die Basis hat die Kontrolle. Wir wollen ein dynamisches Netzwerk aufbauen, in dem jeder die Möglichkeit zur Mitarbeit hat. Nur dann bewegt sich etwas. Man kann einen Verband nicht bloß verwalten."

sid: "Es gibt Forderungen, wonach der BDR-Präsident stets in Frankfurt vor Ort sein soll. Was sagen Sie dazu?"

Scharping: "Da muss man zwischen interner und öffentlicher Kommunikation unterscheiden. Ich kann behaupten, dass ich jemand bin, der sehr häufig an Konferenzen und Sitzungen teilgenommen hat und die Kommunikation innerhalb des Verbandes als sehr wichtig erachtet. Zur öffentlichen Kommunikation: Ist man präsent, heißt es, der steht immer im Rampenlicht, tritt man nach außen weniger in Erscheinung, wird einem mangelnde Kommunikation vorgeworfen."

Berkmann: "Das wäre bei unserem System nicht nötig. Ein Präsident muss nicht dauernd auf der Geschäftsstelle sitzen. Das System läuft sich von allein ein."

sid: "Das Image des Radsports ist durch zahlreiche Doping-Fälle ordentlich ramponiert, die Sponsoren ziehen sich zurück. Was wollen Sie dagegen tun?"

Scharping: "Wir waren eigentlich wieder auf einem ganz guten Weg. Dann haben die Dopingfälle von Stefan Schumacher und Bernhard Kohl wie eine schwere Bombe eingeschlagen. Es ist klar, dass wir uns in diesem Jahr sehr bescheiden aufstellen müssen. Ich hoffe, dass dieses Jahr so verläuft, dass es 2010 wieder besser wird."

Berkmann: "Wir müssen einen anderen Weg gehen und in der Öffentlichkeit vertretbare Entscheidungen fällen. Es gab viele unpopuläre Maßnahmen wie die WM-Nominierung Erik Zabels nach seinem Doping-Geständnis. Solche Dinge dürfen nicht passieren. Wir müssen in Sachen Doping eine Werte-Diskussion anstoßen und auch durch Maßnahmen deutlich machen, dass wir es ernst meinen. Wir wollen schon im Jugend- und Juniorenbereich Dopingtests durchführen und somit zeigen, dass wir einen ehrlichen Sport betreiben."

sid: "Im Brennpunkt der öffentlichen Kritik stand zuletzt Sportdirektor Burckhard Bremer. Viele Sportler kritisieren seine interne Kommunikation und machen ihn für die Misere im Bahnradsport verantwortlich. Wie sieht seine Zukunft im BDR aus?"

Scharping: "Kennen Sie im Fußball einen Profi, der öffentlich einen Sportdirektor so kritisiert? Das sollten sich unsere Sportler mal überlegen. Man kann über das Auftreten von Burckhard Bremer geteilter Meinung sein, aber Erfolgslosigkeit kann man ihm nicht vorwerfen. Ich hoffe, dass der BDR den Weg geht, dass Verträge eingehalten werden."

Berkmann: "Über Personalfragen spricht man erst, wenn man im Amt ist. Ich mache Bremer die wenigsten Vorwürfe, da ich die Details nicht kenne. Es ist ein heißes Eisen, an dem man sich leicht die Finger verbrennt. Ich will erst die Situation genau beleuchten und dann eine Entscheidung fällen."

sid: "Wie schätzen Sie ihre Chancen auf einen Wahlsieg ein?"

Scharping: "Wenn die Leute die Opposition betrachten, müssen sie wissen: Hinter dieser Art der Winkelei und auch des Schmutzes verschwindet das Wesentliche und Sachliche im Hintergrund. Und ich sehe durch diese Strippenzieher auch keinen Neuanfang für den Radsport oder einen glaubwürdigen Kampf gegen Doping. Wenn ich keine Mehrheit bekommen sollte, kann ich wieder Rad fahren und mein Übergewicht abtrainieren."

Berkmann: "Wir haben viele Unterstützer. Viele Fahrer, Ex-Fahrer, Trainer und Funktionäre wollen Veränderungen. Doch unser Vorgehen ist gefährdet, weil wir in letzter Zeit als böse Ketzer dargestellt worden sind, die den Radsport schaden wollen. Das war jedoch nie unsere Absicht. Wir wollen Veränderungen im Radsport, aber auch eine faire Auseinandersetzung."

© SID

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%