Radsport Protour
Team Gerolsteiner vor dem endgültigen Aus

Der deutsche Radrennstall Team Gerolsteiner wird sich wohl zum Jahresende auflösen: "Wir werden die Sponsorensuche nicht weiter aktiv betreiben", so Teamchef Hans-Michael Holczer.

Trotz der erfolgreichsten Saison der Rennstall-Geschichte und einer rigiden Anti-Doping-Politk hat Gerolsteiner-Chef Hans-Michael Holczer keinen neuen Sponsor gefunden und löst sein Radteam zum Jahresende auf. Damit verschwindet das Aushängeschild des deutschen Radsports nach zehn Jahren von der Bildfläche und hinterlässt in Milram nur noch ein einziges Profi-Team.

"Ich hatte in den letzten zwei Wochen sogar mündliche Zusagen von Sponsoren, doch es ist nichts daraus geworden. Ein Premiumstück des Sportsponsorings ist auf dem deutschen Markt momentan nicht zu verkaufen. Eine Erklärung dafür fällt mir schwer", sagt Holczer dem sid. Die Enttäuschung halte sich dennoch in Grenzen, weil sich die Situation seit Juni angedeutet habe.

Sollten die noch bestehenden Sponsorenkontakte wie alle bisherigen im Sand verlaufen, werde es Ende Oktober in der Teamzentrale in Gültstein auch zum materiellen Ausverkauf des Teams kommen: "Bis zur letzten Schraube", meinte Holczer. Die Geschichte des Rennstalls endet damit nach einem Jahrzehnt und über 240 Siegen.

"Den Entscheidern fehlt der Mut

Die Doping-Skandale der vergangenen Jahre haben den Ruf des Radsports ruiniert, und die Suppe muss nun paradoxer Weise ein Team auslöffeln, dass im Kampf gegen die Seuche eine Vorreiterrolle eingenommen hatte. "Wir sind in keinen der bekannten Skandale verwickelt. Trotz bester Referenzen und vielversprechender Perspektiven fehlt den Entscheidern in den Firmen neben dem Vertrauen vor allem der Mut ein solches Projekt weiterzuführen", meinte Holczer.

Auch die bisher äußerst erfolgreiche Saison mit zwei Etappensiegen von Stefan Schumacher, dem Bergtrikot und dem dritten Gesamtrang des Österreichers Bernhard Kohl bei der Tour de France lockte keine Geldgeber an. Am Ende wollten die Fans selbst für den Erhalt des Teams sorgen: "Erst gestern erreichte uns eine E-Mail mit dem Angebot eines Fans jährlich 1 000 Euro einzuzahlen, und er ist bei weitem nicht der einzige."

Bisher habe laut Teammitteilung noch kein Fahrer bei einem anderen Rennstall unterschrieben, doch dies wird sich nun schnell ändern. "Manche haben schon seit Wochen unterschriftsreife Verträge vorliegen", erklärte Holczer.

Klassiker-Spezialist Schumacher steht bereits in Verhandlungen mit ausländischen Teams. Kohl wird noch vor dem Start der Deutschland-Tour am Freitag in Kitzbühel bei einem neuen Arbeitgeber unterschreiben, diesen aber erst am 8. September bekannt geben. Den Kletterkönig wird es wohl nach Belgien zu Quick-Step oder Silence-Lotto führen.

Christian Henn, momentan noch sportlicher Leiter in Diensten Holczers, wird wohl beim neuen Schweizer Cervelo-Team anheuern. "Es gab Gespräche, die nun intensiviert werden. Sie wollen ein Team mit deutschen Tugenden aufbauen und sind deshalb an mich herangetreten. Es werden wohl auch ein paar Fahrer mit mir wechseln", erklärte Henn.

Andere Gerolsteiner-Fahrer wie etwa die Tour-Hoffnung Markus Fothen werden beim Milram-Rennstall hoch gehandelt. Teamchef Gerry van Gerwen bestätigte, dass er sich während der Deutschland-Tour mit Holczer zusammensetzen will. "Ich will ihm die Hand reichen und besprechen, was wir auch an Arbeitsplätzen retten können. Heute ist kein guter Tag für den deutschen Radsport", sagte der Niederländer.

Was aus dem studierten Mathematik- und Geschichtslehrer Holczer wird, steht in den Sternen. Er sei für 2009 frei und könne sich vorstellen, im Radsport zu bleiben. Doch zunächst fliegt er am Freitag zum Start der Deutschland-Tour. Die für einen Teamchef späte Anreise hatte eigentlich gute Gründe: "Eigentlich sollte vorher noch ein aussichtsreiches Gespräch mit einem Gelgeber stattfinden." Das Gespräch hat der potenzielle Sponsor kurzfirstig abgesagt.

© SID

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