Radsport
Sponsorensuche in bleichem Gelb

Gerolsteiner-Teamchef Holczer braucht neue Geldgeber, denn der Hauptsponsor steigt zum Saisonende aus. Nun hat das Team zum ersten Mal das gelbe Trikot in seinen Reihen. Doch Spitzenfahrer Schumacher ist kein idealer Werbeträger.

CHOLET. Auf dem Parkplatz spritzen die Betreuer von Gerolsteiner den blauen Teambus ab. Sie machen das jeden Abend. Doch an diesem Dienstag liegt in ihrer Tätigkeit eine gewisse Symbolik. Stefan Schumacher ist durch seinen Sieg beim ersten Zeitfahren der Tour de France ins gelbe Trikot geschlüpft - und seine Mannschaft , die bislang keinen Ersatz für den zum Saisonende aussteigenden Hauptsponsor finden konnte, steht plötzlich im Rampenlicht. Das Putzen des Busses erscheint da wie ein Grundieren der Fläche in Vorbereitung für ein neues Sponsorenlogo.

Die Hoffnung auf eine Lösung der finanziellen Krise ist bei Teamchef Hans-Michael Holczer jedenfalls gewachsen. "Wir hätten es nicht besser inszenieren können", sagt er. In der Lobby des Mannschaftshotels sitzend hält er ein gelb-schwarzes Paket von Ausmaßen einer Laptop-Tasche in den Händen. Er öffnet es und zieht die gelbe Regenjacke heraus, das langärmlige gelbe Trikot und das kurzärmlige - die Rennkleidung für seinen Kapitän. Es ist das erste gelbe Trikot in der Geschichte von Team Gerolsteiner, und es war auch erst der zweite Tagessieg nach 2005. Damals hatte Georg Totschnig eine Etappe gewonnen. Im Frühjahr 2008 wurde der Österreicher dann in einer anonymen Anzeige beschuldigt, Blutdopingkunde der Wiener Klinik Humanplasma gewesen zu sein.

Auch das aktuelle Coup wird von dunklen Schatten verdüstert. "Bleiches Gelb" überschreibt die französische Sportzeitung "L'Equipe", das Zentralorgan der Tour, ihren Artikel über Schumacher. Der hatte mehrfach unter Dopingverdacht gestanden. 2005 wurde er, damals in Diensten eines niederländischen Teams, positiv auf Cathin getestet. Das Mittel gegen Pollenallergie hatte ihm seine Mutter verschrieben, der niederländische Verband die Einnahme genehmigt. Vor der Heimat-WM des gebürtigen Schwaben im letzten Jahr wurden auffällige Werte im Blutbild gemessen. Es gab Kontroversen, welche Grenzwerte genau überschritten waren und nach welchem Reglement eine Schutzsperre hätte ausgesprochen werden müssen (die Reglements des Radsportweltverbandes UCI und der Antidopingbehörde Wada wiesen in diesem Fall Differenzen auf). Nach seinem dritten WM-Rang schließlich wurde Schumacher wegen eines Verkehrsunfalls von der Polizei kontrolliert. Er hatte 0,7 Promille Alkohol sowie Spuren von Amphetaminen im Blut.

Schumachers Amphetaminfall ähnelt dem Kokainfall von Tom Boonen. Der belgische Ex-Weltmeister war daraufhin von der Tour ausgeladen worden. Gerolsteiner laviert. "Es ist nicht das Gleiche", meint Schumacher. "Boonen wurde bei einer Antidopingkontrolle mitten in der Saison erwischt. Bei mir fand man die Substanzen nach einer Verkehrskontrolle im Winter." Teamchef Holczer sagt: "Die Affäre ist abgeschlossen." Nur leise gibt er zu, dass Schumacher Glück gehabt haben könnte.

"Wir haben damals die Vorwürfe prüfen lassen. Drei Experten schlossen nach Ansicht des Blutbildes eine Manipulation für die letzten drei, vier Monate aus", sagt Holczer. Bei den Experten handelt es sich um Mario Zorzoli, Paul Scott und Olaf Schumacher. Zorzoli ist Chef der medizinischen Kommission der UCI und hat in dieser Funktion dem Fahrer Leonardo Piepoli unbegrenzte Salbutomal-Einnahme gestattet. Piepoli nimmt an der Tour teil. Scott war einst Vizedirektor des Antidoping-Labors von Los Angeles, trat im Landis-Prozess allerdings als Berater des endgültig verurteilten Dopers auf. Der Freiburger Mediziner Olaf Schumacher schließlich - nicht verwandt mit Stefan - sitzt im Blutpass-Kontrollgremium der UCI, obwohl doch eigentlich kein Angestellter der Uni-Klinik im Schwarzwald mehr für den Radsport tätig werden sollte.

Holczer verlässt sich auf die Expertise des Gremiums. Weil die Amphetamin-Affäre dem Rennstall Image-Probleme zugefügt hatte, holte er sich vom Athleten eine "hohe Entschädigungssumme". Dass mit dem Erfolg seines Schützlings auch dessen Affären wieder hochkochen, kann er verstehen. "Doch nach ein, zwei Tagen sollte Schluss mit diesen Geschichten sein."

Holczer ist gedämpft optimistisch, dass nun eine Trendwende in der Sponsorensuche bevor steht. Bis nach den Olympischen Spielen in Peking gibt er sich Zeit. Zeigt sich bis dahin niemand, der mindestens vier, besser acht Millionen Euro investieren will, verschwindet das gegenwärtig beste deutsche Team.

Zweimal sei man schon kurz vor einem Vertragsabschluss gestanden. Und am Tage des Zeitfahrens, noch bevor Schumachers Sieg feststand, reichte seine Frau die Mail eines neuen Interessenten ein. Unmittelbar nach dem Sieg kamen allerdings keine neuen Anfragen. Bei neun Millionen Euro liegt gegenwärtig der Etat des 25 Fahrer umfassenden Rennstalls. Fahrzeugsponsor Skoda würde gern weitermachen, sagt Unternehmenssprecher Christoph Ludewig. "Aber nur als Co-Sponsor. Ein Team werden wir nicht aufbauen."

Dass Bjarne Riis und Bob Stapleton mit der Saxo Bank und dem Textilunternehmen Columbia neue Geldgeber gefunden haben, vermag ihn nicht zu trösten: "Wir haben ein Standortproblem." Der deutsche Sponsorenmarkt ist nach den Dopingskandalen beim aufgelösten T-Mobile-Team der härteste, hat Holczer erfahren müssen. Inzwischen würde er für einen Sponsor seinen Rennstall an jedem Ort der Erde ansiedeln - "im Rahmen dessen, was moralisch und rechtlich vertretbar ist." Als er das sagt, fahren seine Hände über das gelbe Paket in seinem Schoß. Noch hat es kein Glück gebracht.

Sponsorenflucht im Profiradsport

Festina

Der Uhrenhersteller stieg 2001 nach 12 Jahren aus dem Radsport aus. Ursache war der "Festina"-Skandal von 1998, als im Wagen eines Teambetreuers zahlreiche Epo-Ampullen gefunden wurde.

T-Mobile

Ende 2007 gab das Unternehmen seinen Rückzug aufgrund von mehreren Dopingfällen seiner Fahrer bekannt.

Discovery Channel

Der Sender und Sponsor des ehemaligen Teams von Lance Amstrong stieg 2007 aus, gab jedoch nicht Doping als Grund an.

CSC

Der IT-Dienstleister kündigte für Ende 2008 den Ausstieg aus dem Radsport an.

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