Radsport Tour de France
Deutsches Radsport-Monument Ullrich im freien Fall

Die Beweise für die gegen Jan Ullrich erhobenen Doping-Vorwürfe erhärten sich immer weiter. An die Unschuld des T-Mobile-Kapitäns glaubt inzwischen sogar im eigenen Team niemand mehr.

Die Radsport-Welt ist vom erneuten Doping-Skandal kurz vor der Tour de France entsetzt. Besonders die deutschen Fans stehen unter Schock, denn "Deutschlands gestürztes Radsport-Monument" Jan Ullrich (L´Equipe) befindet sich im freien Fall und gerät immer stärker unter Doping-Verdacht. Am Tag nach dem "Großen Knall" veröffentlichte die große französische Sportzeitung Auszüge aus den Dokumenten der spanischen Polizei, nach denen dem Toursieger von 1997 neben Blutdoping auch der Gebrauch von Wachstumshormonen (HGH) und Testosteron unterstellt wird. Selbst T-Mobile-Teamchef Olaf Ludwig sprach von "handfesten Beweisen", die eine Suspendierung des 32-Jährigen unabdingbar gemacht hätten.

Als das Feld der 20 Mannschaften und 176 Fahrer am Samstag auf die 93. Große Schleife ging, saß der Wahl-Schweizer nicht wie geplant im Sattel, sondern am Geburtstagstisch von Tochter Sarah, die am Samstag drei Jahre alt wurde. Ein Freudentag war es dennoch kaum. Ullrich soll allein für die Tour Werbeverträge über eine Million Euro abgeschlossen haben, die nun wertlos sind.

T-Mobile glaubt nicht an Ullrichs Unschuld

An die Unschuld des Rostockers, der noch bis Ende 2006 beim Bonner Rennstall für geschätzte 2,5 Mill. Euro pro Jahr unter Vertrag steht, scheint auch Ludwig nicht zu glauben. Ebenso wenig wie daran, dass Ullrich ein "Opfer" seines ehrgeizigen sportlichen Betreuers Rudy Pevenage geworden ist: "Beide haben sich gegenseitig voll vertraut."

Auf die Spuren des sportlichen Leiters waren die Ermittler laut L´Equipe durch den SMS- und Telefonverkehr des Belgiers mit dem Madrider "Dopingarzt" Eufemiano Fuentes gekommen. Durch dessen beschlagnahmte Notizen sowie mit "Jan" beschriftete Blutbeutel wurde die Indizienkette zum "Hijo Rudicio" (Rudis Sohn) geschlossen. So konnten auch HGH-Bestellungen von Pevenage zurückverfolgt werden. Der hatte am 18. Mai Fuentes um dringenden Rückruf gebeten. Das Giro-Zeitfahren stand an, das Ullrich dann überlegen gewann. Sollte die letzte "Blutdusche" abgesprochen werden?

Dr. Heinrich: "Wir haben nie Auffälligkeiten entdecken können"

T-Mobile-Teamarzt Dr. Lothar Heinrich zeigte sich von den Vorwürfen und ihrem Ausmaß erschüttert. Der Mediziner von der Uniklinik Freiburg, der Ullrich seit rund einem Jahrzehnt betreut hat, sagte dem sid: "Wir haben nie Auffälligkeiten entdecken können, weil sowohl Blutdoping wie auch HGH außerhalb von IOC-Labors bislang in keiner Weise nachweisbar sind. Diese Labors arbeiteten aber exklusiv im Auftrag des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und der Welt-Antidoping-Agentur Wada. Wir hätten ihnen nie eigene Proben zur Untersuchung schicken können, selbst wenn wir einen Verdacht gehabt hätten."

Durch dieses geschlossene System soll verhindert werden, dass Dopingsünder ihre Methoden aufgrund der Labor-Ergebnisse verfeinern. Heinrich stellte aber fest: "Wir Mediziner sind in der Bringschuld. Wir werden uns jetzt mit anderen Spezialisten zusammensetzen und ihnen unsere Untersuchungen vorlegen, um nach Wegen zu suchen, die uns möglicherweise nachträglich neue Erkenntnisse bringen. Auch, um künftig besser gewappnet zu sein."

L´Equipe listete auch die Indizien auf, die zu den übrigen Verdächtigen geführt hatten. Italiens Girosieger Ivan Basso (CSC) war unter seinem später geknacktem Code-Namen "Birillo" in einem Telefonat zwischen Fuentes und Jose Ignacio Labarta, dem sportlichen Leiter des von der Tour wieder ausgeladenen Rennstalls Comunidad Valenciana, als Mitglied des Kreises erwähnt worden, der wie Ullrich beim "Mai-Festival" (Giro) Unterstützung brauche. Der Ansbacher Jörg Jaksche (Astana-Würth) soll wie der Spanier Oscar Sevilla (T-Mobile) beim Betreten der Fuentes-Klinik beobachtet worden sein.

Team T-Mobile plant keinen Aktionismus

Eine endgültige Entscheidung im Fall Ullrich ist von Seiten des Sponsors und der Teamleitung laut Teamsprecher Christian Frommert nicht kurzfristig zu erwarten: "Jan muss zu Hause Abstand gewinnen. Wir geben ihm wie auch Sevilla und Pevenage die Chance, ihre Unschuld zu beweisen, und üben dabei keinen Zeitdruck aus. Wir haben unsere Haltung schnell und deutlich klar gemacht, mit blindem Aktionismus ist niemandem gedient."

© SID

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