Radsport Tour de France
Viele Fragezeichen bei deutschen Rennställen

Die beiden führenden deutschen Radsport-Rennställe stehen einen Tag nach dem Ende der 93. Tour de France vor großen Umbrüchen. Sowohl bei T-Mobile als auch bei Gerolsteiner dreht sich bereits das Personalkarussell.

Nach der Tour ist vor der Tour. Das gilt besonders für die beiden großen deutschen Radsport-Rennställe T-Mobile und Gerolsteiner. Hüben wie drüben steht ein Umbruch an. Derweil meldete sich der ehemalige T-Mobile-Kapitän Jan Ullrich auf seine Homepage "mit einem lachenden und einem weinenden Auge" zu Wort: "Ich möchte die Gelegenheit nutzen, meinem ´Team´ zu ihrem tollen Erfolg ganz herzlich zu gratulieren. Felicitations und feiert schön", ließ er etwas unbeholfen mitteilen.

Zum gleichen Zeitpunkt hatten sich die erschöpften "glorreichen Sieben" in der Bonner Konzernzentrale beim Sponsor und den Fans mit dem Gefühl zurückgemeldet, in den vergangenen drei Wochen alles gegeben, aber noch schwere Zeiten im Kampf um ein sauberes Radsport-Image vor sich zu haben.

Die "glorreichen Sieben" zurück in Bonn

Denn ohne Ullrich war die 93. Große Schleife in der Gunst des TV-Publikums nur noch die Hälfte wert. Bei den im täglichen Wechsel von ARD und ZDF gesendeten Liveübertragungen fiel der Schnitt der Zuschauer von 2,91 Mill. (23,8 Prozent Marktanteil) im Vorjahr auf 1,81 Mill. (16,1 Prozent).

Trotz des dritten Platzes von Andreas Klöden und Rang eins in der Mannschaftswertung kam deshalb der stärkste Beifall auf, als Vorstandsboss Rene Obermann die Politik "Null Toleranz gegen Doping" verkündete, gleichzeitig aber bekräftigte: "Wir machen weiter."

Ungewissheit über die sportliche Führung

Zur zwiespältigen Atmosphäre trug auch die Ungewissheit über die künftige sportliche Führung bei. Die Gespräche mit Olaf Ludwig als Rennstall-Inhaber sollen in dieser Woche beginnen. Ob schon am Wochenende beim Hamburger Protour-Rennen ein Ergebnis verkündet werden kann, ist ebenso offen wie eine Vertragsverlängerung Klödens.

Der Ullrich-Vertraute gilt nicht als Ludwig-Fan und hatte schon in Paris mit Schuldzuweisungen ("Taktische Fehler") begonnen, weil es "nur" zu Platz drei für ihn gereicht hatte. Angeheizt wurde die Diskussion noch von Laurent Fignon, Toursieger 1983/84. "Ich habe selten eine so starke Mannschaft gesehen wie die in Magenta - und selten eine, die so wenig daraus gemacht hat", kritisierte er als Kommentator im französischen Fernsehen.

Doppelspitze blieb stumpf

Wesentlich entspannter ging es in der Eifel zu, wo Gerolsteiner zum Familienfest geladen hatte. Und das, obwohl auch beim Team des Mineralwasser-Produzenten längst nicht alle Bäume in den Himmel wuchsen, wie Teamchef Hans-Michael Holczer einräumte: "Unsere Doppelspitze mit Levi Leipheimer und Georg Totschnig ist leider stumpf geblieben. Aber die Auftritte unserer Youngster, allen voran Markus Fothen, haben das mehr als wettgemacht."

Doch auch der 24-Jährige musste Lehrgeld zahlen. Der Verlust des Weißen Trikots an den Italiener Damiano Cunego traf ihn tief, weil er überhaupt nicht mehr damit gerechnet hatte. Trotzdem gilt der Kaarster als Mann der Zukunft für die großen Rundfahrten, was er schon bei der Vuelta im September erhärten will. Die Verträge der bisherigen Kapitäne Leipheimer und Totschnig laufen Ende 2006 aus, ihr Verbleib gilt als fraglich.

Gerolsteiner mit mehr Talenten

Klar ist, dass beide deutsche Teams im Umbruch sind, mit Vorteilen für Gerolsteiner, das auf eine junge Garde setzen kann, der neben Fothen auch Stefan Schumacher (zwei Giro-Etappensiege 2006), Heinrich Hausler, David Kopp, Sebastian Lang oder Fabian Wegmann angehören. Bei T-Mobile ruhen die Hoffnungen für die Zukunft derzeit vor allem auf Patrik Sinkewitz und Linus Gerdemann.

Ob auch auf Klöden, muss sich zeigen. Dessen wiederholter Schulterschluss mit Ullrich ("Wir haben hier für Jan gekämpft") dürfte in der Führungsetage von T-Mobile die Frage aufgeworfen haben, ob man mit dem Brandenburger an der Spitze wirklich in die "neue Zeit" ziehen soll.

© SID

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