Radsport WM
"Fall Bettini" eskaliert bei der Straßenrad-WM

Das OK der Straßenrad-WM hat eine einstweilige Verfügung beantragt, um den Start von Paolo Bettini im Straßenrennen zu verhindern. UCI-Präsident Pat Mcquaid "garantierte" derweil eine Starterlaubnis für den Italiener.

Der "Fall Paolo Bettini" eskaliert und könnte das Finale der Straßenrad-WM von Stuttgart zum Platzen bringen. Mit scharfen Angriffen auf die Gastgeber-Stadt und ihre Sportbürgermeisterin Susanne Eisenmann haben UCI-Präsident Pat Mcquaid und BDR-Chef Rudolf Scharping am Donnerstagabend auf mehrere Alleingänge der OK-Vorsitzenden reagiert.

Stimmung auf dem Tiefpunkt

Die Stimmung in der schwäbischen Metropole hat vor dem UCI-Kongress am Freitag und den Straßenrennen am Wochenende einen Tiefpunkt erreicht. Die Dopingvorwürfe gegen den Italiener beschäftigen inzwischen auch das Internationale Olympische Komitee (IOC).

"Ich garantiere, dass Bettini am Sonntag antreten darf, nichts kann seine Teilnahme verhindern", sagte Mcquaid. Der Olympiasieger hatte wenige Stunden zuvor sogar zu einem angeblichen Polizeiverhör in der Stadt erscheinen müssen; die Gründe dafür blieben vorerst offen. Bettinis Anwalt ließ erklären, es habe sich nicht um ein eigentliches Verhör gehandelt, vielmehr sei Bettini ein Termin für Freitag gegeben worden.

Besonders erbost zeigte sich der Weltpräsident vom den Antrag auf eine Einstweilige Verfügung, mit dem die Veranstalter den Start des Titelverteidigers noch verhindern wollen.

Auch das Klima zwischen Gastgebern und deutschem Verband wird immer eisiger. Der BDR hält an seinem Vizepräsidenten Udo Sprenger fest, der von der Stadt Stuttgart zur "unerwünschten Person" bei der Straßen-WM erklärt worden ist. Eisenmann hatte in der ARD erklärt, Sprenger habe wegen des Verdachts früherer Verwicklungen in Dopingpraktiken "die Weltmeisterschaft zu verlassen", der BDR solle ihm die Akkreditierung als Teammitglied entziehen.

Scharping warf ihr "Profilierungsabsichten und schlechten Stil" sowie indirekt Falschaussagen vor. Gegenüber dem BDR habe sie derartige Forderungen nicht erhoben. Der Bericht des eingesetzten Ombudsmannes Dr. Buchert enthalte entgegen Eisenmanns Behauptung "keine Vorwürfe von Dopingverwicklungen" gegen seinen Vize. Das alles sei "nicht gut für das Ansehen Stuttgarts".

Auch Mcquaid griff die OK-Vorsitzende persönlich an und unterstellte ihr "politische und wirtschaftliche Motive". Der Ruf Stuttgarts als "Sportmetropole" habe darunter bereits sehr gelitten. Es sei klar, dass die schlechte Behandlung der Radsportfamilie nicht ohne Auswirkung auf andere Weltverbände bleiben werde.

Einstweilige Verfügung beantragt

Schon am Morgen hatte das Organisationskomitee beim Landgericht Stuttgart eine einstweilige Verfügung beantragt, um Bettinis Start im Straßenrennen am Sonntag zu verhindern. Der Italiener will die "Ehrenehrklärung gegen Doping" nicht unterschreiben. Diese war in einer Vereinbarung zwischen Veranstalter und UCI von allen Teilnahmern verlangt worden. Die UCI sieht jedoch keine rechtliche Möglichkeit zur Durchsetzung.

Sollte der Antrag vor Gericht Erfolg haben, bliebe dem Weltverband möglicherweise nur die Absage des Profirennens, weil bei einem Startverbot für Bettini von diesem eine Millionenklage droht.

Auch das IOC hat sich in den "Fall Bettini" eingeschaltet. Der 33-Jährige soll vom ehemaligen T-Mobile-Profi Patrik Sinkewitz vor der Untersuchungskommission des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) angeblich als Lieferant von Dopingmitteln genannt worden sein.

Er habe die vollständigen Unterlagen der Sinkewitz-Anhörung beim Vorsitzenden des Gremiums, dem Schweizer CAS-Richter Stephan Netzle, angefordert, sagte IOC-Vize Thomas Bach, Vorsitzender der Juristischen IOC-Kommission, dem sid. Nach sorgfältiger Prüfung müsse IOC-Präsident Jacques Rogge entscheiden, ob der Fall einer Disziplinar-Kommission übertragen werde.

Sinkewitz-Anwalt Michael Lehner hatte die Anhörung seines des Dopings überführten Mandanten vor der Untersuchungskommission bestätigt, lehnte jedoch jede Stellungnahme zum Inhalt des Gespräches ab. Dies gelte auch für die angebliche Aussage von Sinkewitz, er habe das Dopingmittel Testogel von Olympiasieger und Weltmeister Paolo Bettini sowie Davide Bramati (beide Italien) erhalten.

"Es handelte sich um ein inoffizielles Treffen, bei dem höchste Vertraulichkeit selbst gegenüber dem BDR vereinbart wurde", sagte Lehner dem sid. Es gebe auch kein autorisiertes Protokoll des Treffens. Er sei erschüttert, dass nun "irgendwelche Zitate" an die Medien gebracht wurden: "Ich halte den Vorgang für höchst bedenklich."

Der ehemalige T-Mobile-Profi Sinkewitz, der Testosteron-Doping Ende Juli zugegeben hatte, will nach dem Vorbild des Ansbachers Jörg Jaksche durch Inanspruchnahme der Kronzeugenregel eine Reduzierung der üblichen Zweijahressperre erreichen. Der 26-jährige Fuldaer wäre der erste Fahrer, der Profikollegen der Mittäterschaft beschuldigt. Laut Bettini hat Sinkewitz ihm gegenüber die Aussagen jedoch dementiert.

Das IOC könnte gegen den Italiener nur Maßnahmen im Zusammenhang mit Olympischen Spielen ergreifen. Dies beträfe die Aberkennung der Goldmedaille von Athen, sollte ihm "Doping-Handel" schon vor den letzten Sommerspielen nachgewiesen werden, oder die Sperre für Olympia 2008 in Peking, falls die Vergehen nach 2004 stattgefunden hätten.

© SID

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