Radsport WM
Grabsch gegen Uhr und "Unbekanntheitsgrad"

Bei den Negativschlagzeilen im Radsport ist der letztjährige WM-Titel im Zeitfahren von Bert Grabsch leicht untergegangen. Nun startet "Operation Titelverteidigung".

Er ist Weltmeister im Zeitfahren, erneut Medaillenkandidat bei der Straßenrad-WM in der Schweiz und dennoch der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt: Trotz eines Jahres im Regenbogentrikot ist Bert Grabsch der erhoffte Karriereschub verwehrt geblieben. "Der Weltmeistertitel hat mir wirtschaftlich nichts gebracht", sagt der Wittenberger, der heute (ab 10.30 Uhr/live bei Eurosport) in Mendrisio als Titelverteidiger im Kampf gegen die Uhr antritt.

Nach seinem Titelgewinn im vergangenen Jahr in Varese bekam Grabsch die Auswirkungen der Krise im Radsport deutlich zu spüren. "Früher hätte man mit so einem Titel das Doppelte oder Dreifache verdienen können, aber die fetten Jahre sind vorbei", sagt der 34-Jährige. Der Triumph im Vorjahr habe sich weder in seinem Zwei-Jahres-Vertrag beim US-Rennstall Columbia noch in zusätzlichen Sponsoren ausgezahlt: "Von allen Seiten heißt es nur: Radsport? - Nein danke!"

Sportler spüren Sponsorenschwund

Wie tief die Krise der dopingbelasteten Branche reicht, musste Grabsch zuletzt nach seiner Anreise zu den Titelkämpfen Anfang dieser Woche erfahren: "Vom Verband haben wir nicht einmal mehr die sonst üblichen Trainingsanzüge bekommen. Da auch dem Bund Deutscher Radfahrer die Sponsoren fehlen, hat es nur für T-Shirts gereicht."

Während in anderen Sportarten Hunderte von Mill. fließen würden, seien im Radsport nicht einmal ein paar tausend Euro für die Einkleidung des Nationalteams da, so Grabsch: "Das ist schon sehr enttäuschend, auch wenn uns allen klar ist, dass unser Sport an den Problemen nicht schuldlos ist."

Von einer erneuten Medaille, die er in seiner Schweizer Wahlheimat anpeilt, erwartet der deutsche Zeitfahrmeister der beiden vergangenen Jahre ebenfalls nicht viel mehr als ein wenig Anerkennung in der Szene: "Als deutscher Fahrer war man zuletzt schon gar nicht mehr gern gesehen, weil es hieß, mit uns kommen die negativen Schlagzeilen. Aber das hat sich zum Glück wieder etwas gelegt."

Tony Martin kann nicht klagen

Von derart schlechten Erfahrungen kann Grabschs Columbia-Teamkollege Tony Martin nicht berichten. Der 24-Jährige, der als zweiter deutscher Starter im Zeitfahren ebenfalls zu den Medaillenkandidaten zählt, erhielt nach seinem starken Tour-de-France-Debüt in diesem Sommer unlängst einen Drei-Jahres-Vertrag bis 2012. "Der Vertrag entspricht meinen Vorstellungen - ich kann mich nicht beklagen", sagt der Eschborner.

Dennoch will auch Martin sich nicht allein auf den Radsport verlassen und bastelt deshalb parallel an einem zweiten Standbein für die Zukunft. In der rennfreien Zeit im Winter will er seinen seit zwei Jahren ruhenden Dienst bei der Erfurter Polizei wieder aufnehmen und seine Probezeit beenden. "Ich möchte dort verbeamtet werden und hoffe, dass ich das neben dem Sport in absehbarer Zeit hinbekomme."

© SID

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%