Radsport WM
Greipel soll deutsche Durststrecke beenden

Nach 44 Jahren ohne deutschen Rad-Weltmeister ruhen die nationalen Titelhoffnungen für das Straßenrennen der WM in Australien heute Nacht auf dem Rostocker Andre Greipel.

Er ist der Australien-Experte im Team, er ist der erfolgreichste Radprofi der Saison und in der heutigen Nacht soll er nach 44 Jahren als erster Deutscher wieder ins Regenbogentrikot fahren. Seriensieger Andre Greipel ist der große deutsche Hoffnungsträger im Straßenrennen der Rad-WM im australischen Geelong. "Wir haben Fahrer für alle Situationen am Start und werden ein großes Wort bei der Medaillenvergabe mitreden", sagt Greipel.

Der gebürtige Rostocker hofft natürlich auf eine Sprintankunft auf der ansteigenden Moorabool Street. "Tempohärte und Bergfestigkeit" seien auf dem 259,9km langen und laut Greipel "sehr selektiven Kurs" gefragt. Daran habe er in den letzten Wochen gearbeitet. Sollte es tatsächlich zum Duell der schnellen Männer kommen, könnte es sogar zum pikanten Aufeinandertreffen mit seinem ungeliebten Teamkollegen Mark Cavendish kommen.

Kein deutscher Straßenweltmeister seit Rudi Altig

"Das spielt für mich keine Rolle", sagt Greipel. Über den Briten will er sich nicht mehr großäußern, nachdem es im Frühjahr im Zuge der Nichtberücksichtigung von Greipel bei Mailand-San Remo heftig zwischen den Beiden geknallt hatte. Greipel könne nur "beschissene kleine Rennen" gewinnen, hatte Großmaul Cavendish damals getönt, bei der Tour aber durchaus mit fünf Etappensiegen Taten folgen lassen.

Sollte der in dieser Saison 21-mal erfolgreiche Greipel der Erfolg gelingen, wäre er der erste deutsche Straßenweltmeister seit Rudi Altig, der 1966 auf dem Nürburgring gewann. Ein Sieg in Australien würde jedenfalls gut ins Bild passen, schließlich holte der 28-Jährige bei der Tour Down Under schon reihenweise Erfolge und streitet eine "gewisse Verbundenheit" zum 5. Kontinent auch gar nicht ab.

Geht es nach dem italienischen Nationaltrainer Paolo Bettini, der 2006 und 2007 selbst Weltmeister war, können sich die Sprinter ein Massensprint-Szenario abschminken. Eine kleine Gruppe mit Klassikerspezialisten werde ankommen, so der Italiener, der die Nachfolge des im Frühjahr bei einem Rallye-Unfall tödlich verunglückten Franco Ballerini angetreten hatte. Dem würde die italienische Mannschaft gerne den Sieg widmen, einer der selbsternannten Favoriten ist dabei Filippo Pozzato.

Übliche Verdächtige auf Favoritenliste

Ansonsten umfasst die Liste der Titelkandidaten die üblichen Verdächtigten: Der dreimalige Champion Oscar Freire (Spanien), Titelverteidiger Cadel Evans (Australien), Amstel-Sieger Philippe Gilbert (Belgien), Thor Hushovd (Norwegen) und natürlich Zeitfahr-Weltmeister Fabian Cancellara (Schweiz). Der Eidgenosse unternimmt einen neuen Anlauf, Doppel-Weltmeister zu werden.



Aus deutscher Sicht käme im Falle von möglichen Ausreißergruppen der Zeitfahr-Dritte Tony Martin oder Fabian Wegmann in Betracht. "Andre ist unser Kapitän. Ich bin bereit, alles für ihn zu geben", sagt Youngster Martin. Es sei aber auch schon oft vorgekommen, dass er als Helfer ins Rennen gegangen sei und plötzlich Kapitän war.

Funkverbot sorgt für Diskussion

Eine entscheidende Rolle kann neben dem Wind - auf den ersten 80 Kilometer von Melbourne bis zum Rundkurs in Geelong ist mit Seitenwind zu rechnen - auch der fehlende Funkverkehr spielen. So dürfte das Rennen für die Mannschaften weniger überschaubar sein. Wortführer Cancellara übt daher große Kritik an der UCI: "Wir leben nicht in den 60er Jahren. Das hat auch Sicherheitsgründe. Gerade bei der Vuelta hat man bei den vielen Gefahren gesehen, wie wichtig der Funk ist."

Am heutigen Samstag gehen bereits die Frauen auf die Strecke. "Wir wollen auf jeden Fall eine Medaille. Unser kleiner numerischer Nachteil sollte sich nach der ersten Runde wieder ausgleichen", sagt Bundestrainer Thomas Liese, der von einer gewissen Selektion ausgeht und gleich vier Trümpfe in der Hand hält. Judith Arndt, Ina-Yoko Teutenberg, Charlotte Becker und Trixi Worrack zählen alle zu den Medaillenkandidatinnen.

© SID

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