Ruhpolding lebt von der Winter-Attraktion
Ein Dorf im Biathlon-Fieber

Seit 1980 trifft sich die inernationale Elite des Biathlon jedes Jahr in Ruhpolding. Die oberbayrische 6 500-Seelen-Gemeinde hat sich auch aus ökonomischen Gründen der Wintersportart verschrieben.

RUHPOLDING. Am Fuße des Zirnbergs ist ein für den Wintersport wegweisender Modellversuch vor wenigen Tagen mit eindeutigem Ergebnis zu Ende gegangen: Unter zwei gewaltigen weißen Planen versteckt hatte der Bürgermeister tonnenweise Schnee übersommern lassen. Naturschnee auf der einen, Kunstschnee auf der anderen Seite. Von dem natürlichen Niederschlag ist nur noch die Hälfte übrig geblieben, vom Menschenschnee fast die ganze Menge. „Damit haben wir in dieser Klarheit nicht gerechnet“, sagt Andreas Hallweger. Er ist der 1. Bürgermeister der Gemeinde Ruhpolding und hat vor wenigen Tagen seinem Bauhof den Auftrag gegeben, den Schnee auszubringen. Prompt haben die Damen und Herren Sportler ihre Sommerquartiere auf dem Dachstein-Gletscher verlassen und sind sozusagen heimgekehrt. Jetzt laufen sie wieder, und sie schießen, denn Ruhpolding, das weiß inzwischen schon fast jedes Kind hier zu Lande, ist das deutsche Biathlon-Dorf schlechthin. Und damit wird sich wohl auch Oberhof im Thüringer Wald abfinden müssen.

Ruhpolding und Biathlon, das ist die Geschichte einer bemerkenswerten Symbiose und zudem ein ökonomischer Modellversuch. Ein oberbayerisches Dorf, zunächst überschwemmt vom Massentourismus, dann bedrängt von der neuen internationalen Konkurrenz, versucht sich ein neues Image zu verpassen; um sich damit auch ökonomisch eine Zukunft zu geben. Das ist vielleicht kein ganz neuer Gedanke, kaum ein Alpenort aber hat sich so sehr mit einer Sportart verbandelt wie das trotz allem malerische Dorf am Rande des Chiemgaus.

Ruhpolding, das war einst Touropa, das Einfallstor für den Massentourismus in den bayerischen Alpen und deshalb nicht nur bei den Nachbarn berüchtigt. „Sündiges Dorf“, hieß das damals, als der Gruppentourismus per Bahn Bayern eroberte und man an Ballermann noch nicht zu denken wagte. In Ruhpolding aber ging für bayerische Verhältnisse trotzdem die Post ab, der absolute Höhepunkt war 1991 nach der deutschen Einheit erreicht, als fast 1,2 Millionen Übernachtungen gezählt wurden. Danach ging es in den Zahlen nur noch bergab, Hoteliers und Vermieter mussten lernen, das Masse nicht unbedingt Klasse bedeutet.

Unter den Folgen dieser Schwemme litt die 6 500-Seelen-Gemeinde noch heute, wäre da nicht die andere Seite, die sportliche. Ruhpolding, Biathlon. Am Anfang war Peter Angerer, der Stille aus dem benachbarten Hammer, der bei Olympia 1984 Gold holte – ein Glücksfall auch für Ruhpolding, das im Jahr darauf erstmals die Weltmeisterschaft veranstaltete. Damit begann der Boom des Sports. Dann kam Fritz Fischer und führte die erste gesamtdeutsche Biathlonstaffel 1992 zum Mannschaftsgold in Albertville – Fischer, der Goldjunge aus Ruhpolding. Vergessen war endgültig, dass Biathlon einst, in den friedensbewegten 70ern, ein Sport war, der von Russen und Ostdeutschen dominiert wurde. Damals schoss man mit Großkaliber, Pulverdampf zog über die menschenleeren Wettkampfbahnen. Das alles hatte etwas Kriegerisches. Heute, beim Weltcup in Ruhpolding, leiden 15 000 Menschen im Stadion und Hunderttausende vor dem Fernsehen mit, wenn Ricco Groß in der Staffel die Scheibe verfehlt und auf die schmerzhafte „Ehrenrunde" muss.

Welch ein Wandel, einmal im Jahr, immer Mitte Januar, vier Wochen vor der Weltmeisterschaft, ist Ruhpolding im Ausnahmezustand und das Dorf der Nabel der Wintersportwelt. „Mein Traum ist es, das Vorbild Kitzbühel hier zu wiederholen“, sagt der Bürgermeister. Das klingt ein wenig weit hergeholt, aber man sollte diesen Mann nicht unterschätzen: Der Mittvierziger ist einer derjenigen CSU-Politiker, die das beliebte „Laptop und Lederhose“ personifizieren. „Wir haben alle unsere Investitionen hier auf den Januar konzentriert“, sagt der Politiker im Stil eines Managers. Meistens träg er einen Janker.

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