Schach: WM-Vereinigungskampf
Heuchlerische Harmonie in Kalmückien

Der Russe Wladimir Kramnik und der Bulgare Wesselin Topalow sind beide noch amtierende Schachweltmeister – in jeweils unterschiedlichen Verbänden. Nun spielen sie in der autonomen russischen Steppenrepublik Kalmückien den wahren König aus. Doch im Vorfeld ranken sich Manipulationsvorwürfe um den WM-Vereinigungskampf.

DÜSSELDORF. Die Zeiten, in denen sich Schachgenies misstrauten, sind eigentlich vergangen. Fast freundschaftlich wirken nun auch die Bilder von Wladimir Kramnik und Wesselin Topalow bei ihrer Ankunft in Elista, Hauptstadt der autonomen russischen Steppenrepublik Kalmückien. Dort beginnt am morgigen Samstag der mit Spannung erwartete Vereinigungskampf: Der Russe Kramnik, so genannter Weltmeister im klassischen Schach, gegen den Bulgaren Topalow, Titelträger des Weltschachbundes Fide. Die beiden 31 Jahre alten Maestros kamen mit demselben Flugzeug; sie posierten und speisten gemeinsam mit Gastgeber Kirsan Iljumschinow, der Fide-Präsident und Herrscher über ganz Kalmückien ist; sie spielten eine Showpartie und zündeten in einem buddhistischen Tempel Kerzen an. „Dieses Match wird die Schachwelt ein für allemal vereinen, danach werden wir nur noch einen Weltmeister haben“, sagte Iljumschinow.

Die harmonische Stimmung will allerdings nicht ganz zu den ungewöhnlichen Anstrengungen passen, die Iljumschinow angekündigt hat, um während der zwölf Partien Manipulationen auszuschließen. Auch die Zuschauer sollen mit Metalldetektoren untersucht werden und müssen Handys und sonstige elektronische Ausrüstung hinterm Eingang abgeben. Zudem verhindere ein rund um die Spielhalle geschaffenes „elektronisches Vakuum“, dass die Spieler gestört werden; so lautet zumindest die offizielle Begründung.

In Wirklichkeit hat Kramniks Seite diese Maßnahmen gewünscht. Denn als Topalow 2005 in Argentinien Weltmeister wurde, keimten Spekulationen auf, er könne unerlaubte Computerhilfe bekommen haben. Allerdings riet der damals unterlegene Viswanathan Anand auf Anfrage des Handelsblatts zur Zurückhaltung: „Das ist ein sehr delikates Thema. Da wir keinen Beweis haben, ist es nicht korrekt, Anklage zu erheben. Ich denke, dass er das Turnier seines Lebens gespielt hat und wir das respektieren sollten.“

Seitdem hat Topalow weitere Turniere in großem Stil gewonnen und den ersten Platz der Weltrangliste erobert. Und die Verschwörungstheoretiker sind nicht verstummt. „Was Topalow zurzeit am Brett macht, ist jenseits menschlicher Möglichkeiten. Und ich bin sicher, dass eine Einmischung von außen stattfindet“, behauptete Sergej Dolmatow, ehemaliger Trainer der russischen Nationalmannschaft. Topalows Manager, Silvio Danailow, erwiderte scharf; das ganze Gerede sei eine inszenierte Kampagne, um Topalow nervös zu machen. „Absolute Paranoia“, schrieb Danailow in einem offenen Brief.

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