Schwimmsport
Im Wasser tobt die Materialschlacht

Noch nicht einmal zwei Jahre ist das Wettrüsten alt und schon haben die Anzüge den Schwimmsport gravierend verändert: 108 Weltrekorde sind seither gefallen – legal oder Material-Doping? Auch bei der Schwimm-DM erhitzen die High-Tech-Anzüge die Gemüter. Die Athleten fürchten, dass der Sport auf der Strecke bleibt.

BERLIN. Etwas Gutes fand Helge Meeuw am Ende doch noch an seinem neuen Anzug, in dem er am Wochenende bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin nationalen Rekord über 50 Meter Rücken geschwommen war. Immerhin, Meeuw hatte die High-Tech-Hülle seines Ausrüsters Adidas zuvor als „Plastikmüll“ bezeichnet. Es sei unmöglich, den Anzug in weniger als einer Stunde rissfrei überzustreifen. „Da kommt man richtig ins Schwitzen“, sagte Meeuw. Doch aus einer anderen Perspektive betrachtet sei das gar nicht so übel: „Man braucht sich eigentlich nicht mehr aufzuwärmen.“

Der Schwimmer steht vor einem klassischen Dilemma. Denn Meeuw zählt zu den Puristen unter den Kombattanten, die zurzeit darüber streiten, ob die im Weltschwimmen entbrannte Materialschlacht dem Sport dient oder ihn eines Ideals beraubt: des Traums vom – fast – nackten Schwimmer, der Triumphe allein seinem Willen, seinem Talent sowie seinem Vermögen verdankt. Und nicht Produkten aus den Anzugschmieden der Ausrüster. Doch Meeuw kann die Debatte nicht allein entscheiden, und weil zurzeit alle Spitzenschwimmer auf die High-Tech-Pellen setzen, schlüpfte er für sein Rennen ebenfalls in eine. „Um konkurrenzfähig zu bleiben“, sagte er.

Zu eklatant sind die Vorteile. Britta Steffen, Doppel-Olympiasiegerin über 50 und 100 Meter Freistil, erging es in Berlin wie Meeuw. „Wie auf einer Luftmatratze sei sie durchs Wasser geglitten, erklärte die 25-Jährige am Freitagmorgen. Da hatte sie den Weltrekord über die 100 Meter Freistil, aufgestellt vor 15 Monaten von der Australierin Lisbeth Trickett, gerade unterboten. Und das schon im Vorlauf. Im Finale war sie noch einmal schneller. Steffen schaffte die Strecke in fabelhaften 52,56 Sekunden und fand gleich ein neues Bild für ihr Schwimmgefühl: „Ich bin durchs Wasser gestochen wie durch Butter.“

Doch auch Steffen bereitet das mehr Sorgen als Freude. Sie habe das Gefühl, dass der Sport auf der Strecke bleibt: „Weil künftig nicht mehr gewinnt, wer der Schnellste ist. Sondern der, der das schnellste Material hat.“ Doch was soll sie machen? Fast alle Konkurrentinnen schwimmen in den Plastikhäuten, zudem ist Adidas ihr Sponsor. Der Sportkonzern fördert Steffen pro Jahr mit einem sechsstelligen Betrag. Und schließlich hat der Weltverband Fina für Januar 2010 eine Revision der Materialfrage angekündigt. Bis dahin gelten die Regeln: keine zwei Anzüge übereinander, Knöchel und Schultern bilden die Grenzen, kein unbegrenzter Auftrieb. Ansonsten ist erlaubt, was die Labore hergeben.

Noch nicht einmal zwei Jahre ist das Wettrüsten alt – und schon haben die Anzüge den Schwimmsport gravierend verändert: 108 Weltrekorde sind seither gefallen. Ist das legal oder Material-Doping? Für Meeuw und Steffen steht fest: Entweder kommt ein Einheitsanzug – oder die High-Tech-Ausrüstung muss ganz verschwinden.

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