Segel-Kolumne: Hart am Wind
Noch fehlt dem deutschen Team die Bindung zu den Fans

Endlich. Nachdem drei Jahre und zwölf Vorregatten in erster Linie über Spannung geredet worden ist, wird es nun tatsächlich spannend im America´s Cup. Vor allem für das deutsche Team. Ja, es ist das erste deutsche Team in über 156 Jahren Cup-Geschichte. Ja, es ist ein Erfolg, dass das Team dabei ist. Ja, es hätte nach all den Querelen und Materialproblemen viel schlimmer können. Der Sponsor Ralph Dommermuth hätte während der schlimmsten Krise im August 2005 die Lust verlieren können an dem Sorgenkind. Er hätte die Kampagne ihrem Schicksal überlassen können. Dommermuth aber hält eine Krise nicht für einen Weltuntergang, er versteht sie als Herausforderung, die man schlagen muss, um noch besser zu werden. Zum Glück.

Im April 2005, als man die Meldung zum Cup in letzter Minute bekannt gab, war die Euphorie groß, zu groß. Man sprach vom „Wunder von Valencia“, als das erste Rennen gewonnen wurde. Man träumte vom Halbfinale. Der Fall, er musste kommen. Denn ein junges Team, das unter einem derartigen Zeitdruck stand, macht Fehler. Das ist in einem hochkomplexen Geschäft wie dem Cup unvermeidbar. Kritiker kramen nun wieder die alte Idee von der jungen Seglerkampagne hervor, wie sie von Fresh Seventeen – dem Vorgänger der heutigen Cup-Kampagne – angedacht worden war. Diese Idee war attraktiv. Junge deutsche Segler, Rockstars, Leidenschaft. Man liebt ja neuerdings die jungen Wilden, die Sommer- und Wintermärchen im Sport. Aber das sind nur die romantischen Träumereien eines Sportdeutschlands, das gern verdrängt, dass es eigentlich viel mehr auf den Erfolg fokussiert ist als auf das „olympische Dabeisein“. So eine vermeintliche Spaß-Kampagne funktioniert vielleicht in Südafrika, aber sie funktioniert ganz bestimmt nicht im Land des Ehrgeizes und der Ernsthaftigkeit. So gelassen, so verrückt, ist man hierzulande noch nicht. Auch wenn man das nur allzu gerne glauben machen möchte. Dafür liebt man sie viel zu sehr – „die vorzeigbaren Ergebnisse“. Dabei gibt es eine gute Anzahl an verrückten Typen im deutschen Team. Das Handelsblatt hat sie in einer siebenteiligen Serie portraitiert. Sie sind verrückt, weil sie Könner sind, alles geben und an einem eigentlich unmöglichen Projekt teilnehmen.

Trotz allem hat das „United Internet Team Germany“ eines bis dato nicht geschafft: die Segel-Fans emotional an sich zu binden. Trotz Bild-Kampagne und Kanzler-Unterstützung. Die Kampagne wirkt blutleer. Ein Stück weit liegt das wohl auch an dem sehr ehrgeizigen und dominanten Steuermann Jesper Bank, der von Anfang an einen sehr hohen Druck aufgebaut und ein strenges Regiment zum Leitmotto gemacht hat. Ein Stück weit liegt das auch an ihren Machern aus Montabaur. Wer Dommermuth trifft, der hat den Eindruck, er habe ein wenig Angst vor überbordenden Gefühlen, vor der Leidenschaft. Für das Geschäft mag das richtig sein. Aber für ein Team im Cup-Wahnsinn braucht es auch Typen, die ihre Leidenschaft hinaus schreien. Ohne sie wirkt eine Kampagne kühl, verschüchtert, ausgebremst. Was fehlt im deutschen Team, ist der Zauber, die Explosion. Das ist für ein junges Team genauso wichtig wie die richtige Führung. Aber es ist noch Zeit. Auf dem Wasser muss das Team nun zeigen, ob es verrückt genug ist, eine Überraschung zu landen. Auch wenn es dann nur eine sehr kleine sein ist.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%