Segeln America's Cup
Vom einstigen Helden zum schärfsten Rivalen

Einst führte Russell Coutts die Alinghi zu ihrem historischen ersten America's-Cup-Sieg. Doch dann wurde der Neuseeländer gefeuert. Heute ist er der wohl größte Gegner der Schweizer - auf dem Wasser, aber auch an Land.

Von einer Revanche, einer Rache gar, will Russell Coutts nicht sprechen. Es gehe ihm einzig um die Zukunft des America's Cup, erklärt der sportliche Leiter des US-Teams BMW Oracle Racing seinen derzeitigen Kampf gegen Titelverteidiger Alinghi. Doch die Auseinandersetzung hat eine pikante Note: Denn die Schweizer feierten ausgerechnet mit ihrem heutigen Gegner Coutts ihren größten Triumph.

Sensationeller Cup-Sieg vor Auckland

Ende 2000 war es, als die Segel-Ikone Coutts zum ersten Mal die Seiten wechselte. Mit der Empfehlung von zwei Cup-Siegen für sein Heimatland unterschrieb der Steuermann beim ambitionierten Projekt des Schweizer Milliardärs Ernesto Bertarelli. Aus der zunächst geschäftlichen Verbindung entwickelte sich bald eine Männer-Freundschaft, die 2003 mit dem sensationellen Final-Sieg gegen sein Ex-Team gekrönt wurde. In Neuseeland gilt Coutts seither bei vielen Segel-Fans als Verräter, in der Schweiz dagegen als König.

Doch auch die Liaison mit der Alinghi war nicht von Dauer. Schon Bertarellis Entscheidung für den Austragungsort Valencia stieß bei Coutts auf Kritik - der gelernte Yachtdesigner hätte den Cup 2007 lieber im portugiesischen Cascais gesehen. Es folgte "ein Kampf mit dem wichtigsten Mann meines Teams", so Bertarelli im Rückblick. Es ging um Macht, Geld, die Ausrichtung der gesamten Kampagne.

Die Männer-Freundschaft zerbricht

Der Bruch war perfekt, als Coutts im Herbst 2003 bei Schauregatten in den USA nicht an Bord gehen wollte. Das Motiv war klar: Ein Einsatz hätte nach den Cup-Regeln einen späteren Wechsel zu einem anderen Team ausgeschlossen. Diese Hintertür wollte sich der gewiefte Taktiker offen halten - und wurde prompt bestraft: Im Juni 2004 setzte die Alinghi ihren einstigen Helden vor die Tür. "Wiederholte Pflichtverletzung", hieß es in der Begründung.

Doch die Schlammschlacht sollte erst so richtig losgehen. Zwei Wochen vor der Trennung hatte Bertarelli einen zunächst kaum beachteten Passus ins Regelwerk schreiben lassen. Der Inhalt: Wer 180 Tage nach dem Cup bei einem Team unter Vertrag stand, durfte nicht mehr wechseln. Betroffen war nur einer: Russell Coutts. Die später "Lex Coutts" getaufte Vorschrift bedeutete nichts anderes als ein Berufsverbot für den Mann aus Neuseeland.

Streitende und Rückzug

Die Auseinandersetzung ging vor Gericht, doch der Erfolgs-Skipper blieb vom 32. Cup ausgesperrt. Offiziell beigelegt wurde der Streit erst 2005 - wohl auch finanziell versüßt von der Alinghi. Immerhin herrschte seither Funkstille zwischen den einst so erfolgreichen Partnern.

Dass ein Russell Coutts jedoch ohne den America's Cup nicht kann, war allen Beteiligten immer klar. Und so lautete im Sommer 2007 die einzige Frage, welches Team sich den Superstar angeln würde. Was zunächst nur ein Gerücht war, bewahrheitete sich Ende Juli: Das US-Team BMW Oracle Racing schlug zu und holte den dreifachen Cup-Sieger als Nachfolger des enttäuschenden Chris Dickson. Coutts hatte einmal mehr die Seiten gewechselt.

"Es wird großartig sein, wieder beim Cup dabei zu sein", jubelte der inzwischen 45-Jährige wenig überraschend bei seiner Vorstellung: "Ich habe der 32. Auflage mit Freude zugesehen. Aber ich freue mich sehr darauf, wieder selbst auf dem Wasser dabei zu sein. Ich teile die Vorstellungen von engen und mitreißenden Regatten."

"Keine persönliche Abrechnung"

Doch bevor Coutts seine Ex-Kollegen auf dem Wasser herausfordern darf, kam es zu der wochenlangen Auseinandersetzung an grünen Tisch. Nach Ansicht Bertarellis scheiterte dabei eine erhoffte außergerichtliche Lösung auch an der "revanchistischen Haltung" seines ehemaligen Teamkollegen. Der weist solche Anschuldigungen weit von sich. "Ich denke nicht, dass es sich um eine persönliche Abrechnung zwischen Ernesto und mir handelt", so Coutts gegenüber der NZZ. Auch seine Freundschaft zu Landsmann und Alinghi-Skipper Brad Butterworth habe nicht gelitten. "Wir akzeptieren, dass wir nicht die gleiche Meinung haben".

Doch der Sportler Coutts wird den ersten errungenen Sieg vor Gericht nicht wirklich feiern können. Was unter Seglern letztlich zählt, ist das Duell auf dem Wasser. Ob es dazu schon 2008 im Katamaran kommen wird oder doch erst später in der neuen ACC-Klasse, ist weiter offen. Doch die Zeit zur Revanche wird kommen. Auch wenn Russell Coutts das Wort nicht gerne hört.

© SID

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%