Selbstversuch
Wie ich gegen Timo Boll spielte

Handelsblatt-Mitarbeiter Michael Brackmann ist ein großer Tischtennis-Fan. Er hätte es sich nicht träumen lassen, mal ein paar Bälle mit dem Weltstar Timo Boll zu wechseln. Nach einem Interview klappte es dann doch.

DüsseldorfFrüher einmal, es ist eine gefühlte Ewigkeit her, spielte ich in der 2. Bundesliga Tischtennis. Danach stand ich 30 Jahre lang nur noch selten an der Platte. Doch jetzt, nach einem Interview im Deutschen Tischtennis Zentrum, stand mir in Düsseldorf auf der anderen Seite des Tischs Timo Boll gegenüber. Vor dem ersten Ballwechsel wunderte sich der Weltklassespieler über meine – für Europäer ungewöhnliche Penholder-Schlägerhaltung. Danach staunte nur noch einer: ich.

Der ungleiche Schlagabtausch beginnt mit einem Konterspiel: Linkshänder Boll spielt den Ball mit seiner Rückhand diagonal auf meine Vorhand – natürlich mit „angezogener Handbremse“. So flitzt die Kugel immerhin fünf-, sechsmal in Folge über das Netz hin und her – bis die Schlagkraft erhöht wird und ich den Ball hinter oder neben die Platte setze.

Nächste Übung: Aus der Halbdistanz meine Vorhand-Topspins, die Boll mit seiner Rückhand an der Platte zurückblockt. Zum Glück klappt der Topspin noch ganz gut, aber Bolls Rückhandblock wirkt wie eine Wand, von der meine Schläge unerbittlich zurückprallen. Einst war der Vorhand-Topspin meine schärfste Waffe – aus Bolls Sicht könnte man diese „Waffe“ wahrscheinlich für den Friedensnobelpreis nominieren.

Rollentausch: Aus der Halbdistanz spielt Boll nun Rückhand-Topspins, die ich mit der Vorhand an der Platte zurückblocke, genauer gesagt: gerne zurückblocken würde. Denn inzwischen hat Boll seine „Handbremse“ gelockert: Die Bälle kommen jetzt mit hohem Tempo und enormem Drall auf mich zugeschossen.

Ich block die meisten direkt ins Netz oder neben die Platte. „Da ist neben Vorwärtsspin auch noch etwas Seitenspin drin“, sagt Boll lächelnd. Was für ein Klassenunterschied! Damit verglichen dürfte der Manchester-Kapitalismus eine egalitäre Gesellschaft gewesen sein.

Allmählich geht mir die Puste aus, Boll natürlich nicht. Ich schwitze immer mehr, Boll schwitzt nicht. „Soll ich mal ein paar Aufschläge machen?“, fragt er. „Gerne“ antworte ich. Noch eine Serie von Vorhand-Topspins gegen sein Rückhandbollwerk? Besser nicht. Schnappatmung ist im Deutschen Tischtennis Zentrum schließlich nicht angesagt.

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„War doch gar nicht so schlecht“

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