Shorttrack bei Olympia: Amerikaner Ohno im Blitzlicht

Shorttrack bei Olympia
Amerikaner Ohno im Blitzlicht

Aus dem Gossen-Rüpel von einst ist ein Wunderknabe geworden, den die Amerikaner vergöttern: Als Apolo Anton Ohno im Pressezentrum von Turin zur Audienz lud, platzte der Sala Mole aus allen Nähten.

HB TURIN. 120 Journalisten - doppelt so viele wie bei IOC - Präsident Jacques Rogge - und ein Dutzend Kamera-Teams drängten sich, um einen abseitigen Satz oder eine schräge Geste des schlitzäugigen Mädchenschwarms mit dem lustigen Kinnbärtchen zu erhaschen.

In Turin will der von Gegnern wegen seiner aggressiven Kufen- Aktionen oft als "Rambo" verschriene Ohno die "Apolo 4 Mission" starten, vier Mal Gold in vier Rennen - davon träumen Amerikaner. Als einfach nur "crazy" tut er all jene ab, die ihn mit der Zahl vier unter Druck setzen. Zu stark sei die Konkurrenz aus Südkorea, in der Staffel das US-Team nicht Favorit. Als er das sagt, schmunzelt seine Freundin und Team-Gefährtin Allison Baver, die er schon zwei Tage vor dem Valentinstag mit Gold über 1500 m beglücken möchte. Und dann kommt ein Satz, auf den viele gewartet haben: "Ich weiß gar nicht, ob ich mich über Olympia freuen soll. Eigentlich würde ich es vorziehen, zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen." Typisch Ohno.

Vier Jahre arbeitet der Sonderling auf die wilde Jagd von Turin hin, verzichtet trotz der Werbe-Millionen auf jeden Luxus, und dann dies. Doch was verlief schon geradlinig für den American Hero, der vom Magazin "People" zu einem der schönsten 50 Männer der Welt gewählt wurde? Schon mit acht Jahren büchste Apolo, der von seinem japanischen Vater Yuki allein aufgezogen wurde, öfter aus, ging seine eigenen Wege. Als Elfjähriger saß er zufällig vor dem Fernseher, als die Shorttracker 1994 in Hamar ihren zweiten olympischen Auftritt feierten. Als Frühreifer stand er danach oftmals mit einem Bein im Knast, ließ sich mit einer Clique straffälliger Jugendlicher ein.

Als der Friseur Yuki Ohno ihn daraufhin ins Trainingszentrum Lake Placid steckte, hatte Apolo "Null Bock": Kaum hatte der Vater ihm den Rücken gekehrt, amüsierte er sich ausgelassen. In Nagano hätte der "Rotzlöffel" mit 15 Jahren schon vorne landen können, aber durchzechte Nächte mit reichlich Whisky-Konsum waren ihm wichtiger als Olympia-Gold.

Die Wende im Leben des Wanderers zwischen Genie und Wahnsinn war aber nicht mehr fern. Als eine Körperfett-Analyse miserable Werte ergab, kam das Umdenken: Er trainierte wie besessen. Schon ein Jahr später schlug er die komplette US-Elite. Vor vier Jahren schoss er in der Bekanntheits-Skala ganz nach oben. Nach seinem Olympiasieg vor 16 000 kreischenden Girlies lud ihn Georg Bush ins Weiße Haus, ging er mit Bill Clinton in New York Schuhe kaufen. Kaum noch jemand stört sich vier Jahre nach dem Triumph daran, dass der jetzt 23-Jährige in Salt Lake City nur durch die umstrittene Disqualifikation des Südkoreaners Kim Dong-Sung Gold holte. Die Androhung der vorzeitigen koreanischen Olympia-Abreise und politische Konsequenzen waren die Folge. Ohno erhielt 24 Stunden nach dem Rennen über 16 000 Hass-E-Mails und auch Morddrohungen aus Asien. Wie er heute sagt, ist das längst vergessen. Doch die Südkoreaner um ihren Superstar Ahn Hyun-Soo sinnen in Turin auf späte Rache und wollen die "Apolo 4 Mission" scheitern lassen.

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