Shorttrack-Hype bei Olympia Der Stolz Südkoreas, die Angst Südkoreas

Shorttrack heißt für Gastgeber Südkorea: Die einzige Chance auf Gold. Eine ganze Nation hofft und bangt mit den Sportlern. Das treibt irre Blüten.
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Der Shorttracker ist strahlender Sieger über 500 Meter. Nicht weniger erwartet Südkorea von seinen Sporthelden. Quelle: dpa
Lim Hyo Jun

Der Shorttracker ist strahlender Sieger über 500 Meter. Nicht weniger erwartet Südkorea von seinen Sporthelden.

(Foto: dpa)

PyeongchangMan muss den Geräuschpegel in der Eis-Arena in Gangneung hören, um zu verstehen, was das Eisschnelllaufspektakel Shorttrack derzeit für Südkorea bedeuten. Die 12.000-Zuschauerhalle ist ruhig, solange kein heimischer Athlet auf dem Eis steht. Doch dann, wenn etwa Koreas Star Lim Hyo-jun ins Geschehen eingreift, kreischt, brüllt, klatscht und trampelt es. Der 21-jährige holte über 1.500 Meter das erste Gold für Südkorea, zum Jubel gesellten sich die Tränen. Denn die Shorttrack-Athleten sind Hoffnungsträger, die Erwartungen gigantisch. Mit jedem Erfolg wird die in Asien so wichtige Ehre gewahrt. Am Samstag geht es mit den Wettbewerben über 1.000 Meter der Männer und 1.500 Meter der Frauen an. Medaillen sind ein Muss.

Wie ernst die Fans die Entscheidungen nehmen, zeigte sich zuletzt am Dienstag. Im Finale über 500 Meter der Frauen wurde Südkoreas Starterin Choi Min Jeon als eigentlich Zweitplatzierte disqualifiziert. Die Bronzemedaille wurde der Kanadierin Kim Boutin zugesprochen. Und in sozialen Netzwerken wurde sie mit Zehntausenden Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen überzogen.

Südkorea und der Wintersport, das ist ein seltsames Verhältnis. Dieser Tage, während im Land die Olympischen Spiele toben, mag das nicht so sehr auffallen, denn die inländischen TV-Kanäle sind voll mit Sportprogrammen. Die Leute in den Bars und auf der Straße sprechen immer wieder von den Wettbewerben. Aber eigentlich blickt das Land nicht gerade auf wintersportliche Tradition zurück, trotz sicheren Schneegebieten und verlässlichem Wintereinbruch. Dass Pyeongchang vor sieben Jahren die Austragung der Spiele zugesprochen bekam, war vor allem der Wunsch des Internationalen Olympischen Komitees, dass in Korea ein Wintersportboom ausbricht. Nur sind die Anheizer des Booms rar. Wenn jemand mit Medaillen dazu beitragen kann, dann sind es die populären Shorttracker.

Im ewigen Wintermedaillenspiegel stand Südkorea vor Beginn der Spiele von Pyeongchang auf Rang 15, hinter Ländern wie Holland und Italien. Bei 17 Olympiateilnahmen holten die Südkoreaner bis dahin 26 Gold-, 17 Silber- und zehn Bronzemedaillen. Fast alle stammen aus Eisschnelllaufwettbewerben. Ohne die schneidet das Land nicht besser ab als das teilweise subtropische Spanien. Dann bliebe nämlich nur noch eine Goldmedaille im Eiskunstlaufen, gewonnen von Kim Yu-na 2010 in Vancouver. Doch deren Aktivität bei diesen Spielen beschränkt sich auf das Tragen der olympischen Fackel.

Im Eisschnelllauf sind die Gastgeber bei mehreren Wettbewerben die Favoriten. 2014 in Sotschi kamen sieben von acht südkoreanischen Medaillen von den Eisschnellläufern, fünf davon vom Shorttrack. Bei den Asian Games in Sapporo im vergangenen Jahr dominierten auf den kurzen Strecken auch wieder die Koreaner.

Der Aufstieg in dieser Disziplin kam schnell und überraschend. Der Funke zum Shorttrack sprang erstmals Anfang der 1980er Jahre über, als eine Unimannschaft aus Japan für ein Gastspiel in die Hauptstadt Seoul reiste. Zehn Jahre später, 1992 in Albertville, holte ein Athlet namens Kim Ki-hoon auf der 1.000-Meterstrecke schon das erste winterliche Gold für Südkorea. 1994 in Lillehammer errangen die Südkoreaner fünfmal Gold und einmal Silber, woraufhin der Boom fast hysterische Züge annahm. Die ehemaligen Gewinner wurden Trainer, Kinder wollten den Sport ausprobieren. Eisschnelllauf ist eine Art Volkssport geworden.

In Pyeongchang lasten die heimischen Medaillenhoffnungen daher vor allem, oder fast ausschließlich, auf den Schultern dieser Eissprinter. Die 21-jährige Shim Suk-hee etwa hat bereits alle Titel gewonnen, auf der 3.000-Meterstaffel in Sotschi holte sie schon als 17-jährige olympisches Gold. Jetzt ist sie das Postermädchen der Spiele. Als sie bei einer der zuletzt zahlreich gewordenen Pressekonferenzen gefragt wurde, ob sie Erfolgsdruck verspürte, behauptete Shim: „Ich bin dankbar für diese Erwartungen. Ich bin auch nicht nervös.“ Sie konzentriere sich maximal auf ihr Training, damit sie später nichts bereue.

Dass aus den Erwartungen ein bisschen mehr entstanden ist als die Dankbarkeit, stellte sich aber Mitte Januar raus. Da verkündete die Koreanische Eislaufunion plötzlich, Shims Trainer entlassen zu haben, nachdem dieser die Hoffnungsträgerin geschlagen hatte. Die Leistungen von Shim, die erst 2017 in Rotterdam die Weltmeistertitel im Mehrkampf und auf 1.000 Meter gewonnen hatte, sollen zuletzt etwas nachgelassen haben. Eine Art von Druck, für die niemand mehr dankbar sein kann. In den koreanischen Medien wurde der Vorfall nicht sonderlich intensiv behandelt. Man wollte kein Öl ins Feuer gießen.

Alles verblasst vor der Aussicht auf Medaillen. Hätten die Shorttracker um Shim Suk-hee enttäuscht, hätte sich der Gastgeber auf einem Niveau mit Ländern wie Nigeria oder Malaysia bewegt – diese beiden Nationen nehmen in Pyeongchang erstmals an Winterspielen teil, haben daheim aber nicht einmal Schnee. Einmal Gold, einmal Bronze gab es bislang. Die Bilanz, so die Erwartungshaltung, muss noch verbessert werden.

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