Ski alpin National
Tränenreicher Abschied von Hilde Gerg

Die Fassung konnte Hilde Gerg nicht lange wahren. Zu schmerzhaft ist ihr unfreiwilliger Abschied von der Hoffnung auf einen Erfolg in Turin. "Ich wollte bei Olympia noch einmal ein Highlight setzen", so die Rennläuferin.

Die Olympischen Winterspiele von Turin sollten für Hilde Gerg der Glanzpunkt ihrer Abschiedssaison werden. Ihre Knie-Verletzung hat die Ski-Rennläuferin jedoch aus allen Träumen gerissen und beim ihrem Rücktritt zu Tränen gerührt. "Ich wollte bei Olympia noch einmal ein Highlight setzen", sagte die Lenggrieserin in der Wolfart-Klinik in Gräfelfing bei München , "aber leider kann man es sich nicht aussuchen. Jetzt muss ich mich halt mit dem Abschied beschäftigen."

Es sollte ohnehin ihre letzte Saison sein, doch sie endete früher als geplant. Der schwere Trainingssturz vergangenen Mittwoch im amerikanischen Copper Mountain hinterließ einen Totalschaden im rechten Knie - Impressionsbruch des Schienbeinkopfes, Außenmeniskus abgerissen, Teilruptur des hinteren Kreuzbandes. "Ich wusste gleich, dass das wohl meine letzte Fahrt war", bekannte Hilde Gerg, auch wenn sie kurzfristig noch hoffte, "dass es nur eine Knochenstauchung ist und schnell ausheilt."

Im Frühjahr Trekking-Tour in Nepal

Die Hoffnung wurde ihr schnell genommen, den Kampf um ihre letzte Olympia-Teilnahme wollte die 30 Jahre alte Ausnahmeathletin deshalb nicht mehr beginnen. "Ich hätte nicht den Kopf gehabt, mich noch einmal auf ein Comeback zu konzentrieren wie 2002." Jetzt will sie zusehen, nach vier bis sechs Monaten anstehender Rehabilitation wenigstens bis zum Frühjahr wieder so gut auf den Beinen zu stehen, dass sie die geplante Trekking-Tour durch Nepal antreten "und dann das Leben ein bisschen genießen" kann.

Bei Olympia wollte sich Hilde Gerg einen glanzvollen Abgang verschaffen. Acht Jahre nach ihrer sensationellen Fahrt zu Gold im Slalom von Nagano noch einmal eine Medaille in Abfahrt oder Super-G - das war der Plan. Sie hatte das Vorhaben professionell wie immer angegangen, sogar vier Kilo Muskelmasse zugelegt, um dadurch auf der "Autobahn" in San Sicario konkurrenzfähiger zu sein. Als "Trostpflaster" bleibt immerhin das WM-Mannschaftsgold 2005.

Vogel: "Wir verlieren eine Leitfigur"

Für den Deutschen Skiverband (DSV) gleicht der Winter einem nicht enden wollenden Albtraum. Erst Florian Eckert und Max Rauffer, nun Hilde Gerg - noch ehe die olympische Saison so richtig begonnen hat, sind den Alpinen drei Eckpfeiler weggebrochen.

In der Tat hinterlässt Gerg eine Lücke, vor allem auch menschlich. Das Kind der Berge, das einst mit den Skiern von der Tölzer Hütte über Lenggries zur Schule ins Tal fuhr, war Rennläuferin durch und durch, ein Vollprofi, ein Vorbild, aber auch eine mündige Athletin mit Ecken und Kanten. "Wir verlieren jetzt eine Leitfigur und eine Führungspersönlichkeit", sagte Alpinchef Walter Vogel.

Weltcupsiege in fünf Disziplinen

Sportliche und gesundheitliche Rückschläge hatte Hilde Gerg bislang in bewundernswerter Manier weggesteckt. Beeindruckend war vor allem ihr Comeback nach einem Beinbruch im Februar 2000: Knapp zwölf Monate nach dem Malheur fuhr sie wie aus dem Nichts zu Bronze im Super-G bei der WM 2001 in St. Anton. Ein zweites "Wunder" blieb aus: Nach einem Kreuzbandriss im Dezember 2002 stand Hilde Gerg nur sechs Wochen später im Weltcup wieder auf dem Siegertreppchen, die WM 2003 in St. Moritz aber verlief miserabel.

In Hilde Gerg tritt die nach der erst im Vorjahr verstorbenen Christl Cranz, Katja Seizinger sowie Rosi Mittermaier erfolgreichste deutsche Ski-Rennläuferin ab. Zu den sechs Olympia- und WM-Medaillen kamen bei 295 Starts 20 Weltcupsiege, was Rang 16 in der ewigen Bestenliste bedeutet. 59-mal fuhr Hilde Gerg auf das "Stockerl", nur neun Läuferinnen waren erfolgreicher. Und außer ihr gelangen nur Petra Kronberger (Österreich) und Pernilla Wiberg (Schweden) Weltcupsiege in fünf verschiedenen Disziplinen.

© SID

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