Späte Anfangszeiten: gut für die Zuschauer – aber schlecht für die Sender
Wasis Bananennocken als Olympia-Adrenalin

Es gab einmal eine Zeit, da waren olympische Winterspiele ein Bruttosozialproduktbremser.

Ganze Bürogemeinschaften lauschten mit pochendem Herzen leise gedrehten Radioreportagen - der Chef darf nichts mitbekommen - oder versammelten sich in medaillenentscheidenden Momenten vor kleinen Fernsehern. Lehrer bemerkten erst beim Jubel für Star-Biathlet Peter Angerer, dass unter den Schulbänken Radios liefen. Und vor den Fernsehern der Unterhaltungselektronikverkäufer bildeten sich Menschentrauben.

Damals pumpten ARD und ZDF ihren Zuschauern während der olympischen Winterspiele Adrenalin im Minutentakt in die Blutbahn. Entscheidungen fielen im Sekundentakt, hektisch wurde hin- und hergeschaltet zwischen Eishallen, Loipen und Abfahrtspisten. Die Morgenstunden, das war Olympia-Spannung pur.

Doch in Turin ist alles anders. Die Sponsoren, die Funktionäre, die Organisatoren - sie alle wollen hohe Einschaltquoten. Skispringer segeln an nachtumschatteten Tannenwäldern vorbei, Eisschnellläufer sprinten parallel zum Abendbrot, ja selbst die Rodler brauchen Flutlicht. Die Zuschauer danken es mit ordentlichen Quoten: 9,33 Millionen sahen am Sonntag Abend das 3000-Meter-Rennen der Eisschnellläuferinnen.

Dumm nur, dass die TV-Sender ganztägig in Turin bleiben. "Verbotene Liebe" zwischen Langlauf und Eishockey? "Wir sind in zwei Stunden nach ,Wege zum Glück? wieder da" Nein, das würde nicht passen.

Also bleiben sie drauf, die Sender. Koste es, was es wolle. Notfalls mit Curling-Knallern wie Italien gegen Großbritannien. Es tut körperlich weh, ARD-Moderatorin Monika Lierhaus zu verfolgen, wenn sie ständig verspricht, dass es "in einer Viertelstunde" endlich mal "richtig spannend" werden wird. Aber vorher gibt es Tageszusammenfassungen, Tageszusammenfassungen und Tageszusammenfassungen. Gemixt natürlich mit Gewinnspielen auf dem geistigen Niveau einer unambitionierten Kindertagesstätte. Auch die Einspielfilme mit Harald Schmidt sind in den morgendlichen Pausen so wie bei der abendlichen Wiederholung: mäßig witzig.

Und weil auch das noch nicht reicht, hat sich die ARD einen echten Quotenknüller ausgedacht. Kochen. Mit ruheständlerischen Wintersportprominenten. Gestern bereitete Markus Wasmeier "Gebratene Ricotta-Bananennocken". Das ist Olympia-Adrenalin anno 2006.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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