Sport und Menschenrechte: „Das IOC hat versagt“

Sport und Menschenrechte
„Das IOC hat versagt“

Ausbeutung von Gastarbeitern, Anti-Homo-Gesetze und Gigantismus: Sportphilosoph Volker Schürmann hält die Winterspiele in Sotschi für unvereinbar mit der Olympischen Charta. Doch auch die WM-Vergabe an Katar sei falsch.
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Handelsblatt Online: Herr Schürmann, Amnesty-Generalsekretär Salil Shetty hat bei der Vorstellung der Studie „The Dark Side of Migration“ zu den Zuständen im WM-Gastgeberland Katar gesagt, dass es unentschuldbar sei, dass in einem der reichsten Länder der Erde dermaßen viele Gastarbeiter skrupellos ausgebeutet werden. Geht Ihnen die Einschätzung zu weit oder würden Sie Shetty zustimmen?
Volker Schürmann: Er hat zunächst insofern recht, als dass unser Völkerrecht, das in allen Uno-Staaten gilt, die Anerkennung der Menschenrechte und die Anerkennung der Menschenwürde einfordert. Von diesem Punkt betrachtet ist das, was in Katar passiert, unentschuldbar – ganz unabhängig davon, ob es sich um einen armen oder reichen Staat handelt. Es wird natürlich besonders schrecklich, wenn das auch noch ein reicher Staat macht, in dem so etwas nun wahrlich nicht nötig wäre.

Das Problem existiert offenbar nicht nur in Katar. Auch aus Russland erreichen uns Meldungen, die von der Ausbeutung von Olympia-Gastarbeitern in Sotschi berichten. Welche Verantwortung tragen Veranstalter von sportlichen Großereignissen wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) oder der Weltfußballverband Fifa in solchen Fällen?
Das IOC und die Fifa tragen in Bezug auf die Arbeitsbedingungen in Sotschi und Katar eine sehr hohe Verantwortung. Sie tragen diese Verantwortung aber nicht als Sportorganisationen im engeren Sinne, sondern sie tragen sie als Veranstalter, die sportliche Wettbewerbe in Ländern initiieren, deren Arbeitsbedingungen wir als Gesellschaft nicht dulden können.

Kann man die Diskussion um die Olympischen Winterspiele in Sotschi und die Fußball-WM in Katar überhaupt vergleichen?
Nein, man muss differenzieren: Bei der Debatte um die homophobe Gesetzgebung ist die Olympische Charta direkt betroffen. Jede Form von Diskriminierung ist mit der Olympischen Charta unvereinbar. Ihr ganzer Geist beruht auf den Menschenrechtserklärungen und spiegelt sie wider. Hier ist das IOC als Sportorganisation direkt betroffen, da es aus dem eigenen Selbstverständnis heraus diesen besonderen Charakter der Olympischen Spiele aufrecht erhalten muss. Im Fall der Arbeitsbedingungen sind IOC und Fifa auch betroffen, aber nicht als Sportorganisationen, sondern als Veranstalter.

Hat das IOC in seiner gesellschaftlichen Funktion versagt?
Ja sicher. Wenn das IOC olympischen Sport betreibt, der gegen jede Form von Diskriminierung und Menschenrechtsverletzung steht, der sich für Völkerverständigung und Frieden in der Welt einsetzt, dann ist Olympia als politische Veranstaltung zu verstehen. Wenn man sich das auf die Fahnen geschrieben hat, dann muss man auch im Sinne dieser Werte und grundlegenden Prinzipien aktiv agieren.

Was muss sich konkret ändern?
Kritischer Sportjournalismus und eine wache Weltöffentlichkeit müssen dafür sorgen, dass sich die Strukturen des IOC ändern. Die Vergabepraxis muss hinsichtlich der Kriterien transparenter werden. Die Evaluation der Bewerbungsunterlagen hat im Falle von Sotschi eine deutliche Sprache gesprochen und die Stadt hat die Winterspiele trotzdem bekommen. Wieso eigentlich?

„Der Sport darf nicht politisch instrumentalisiert werden“

Kann der neue IOC-Präsident Thomas Bach für Veränderungen sorgen?
Ich halte Thomas Bach nicht für jemanden, der antritt, um etwas zu ändern. Ich glaube umgekehrt, dass er diese Funktion bekommen hat, weil er dieses Spiel mitspielt. Alles andere würde mich überraschen. Die Strukturen des IOC scheinen so stabil zu sein, dass Personen austauschbar sind. Das hat man auch ein bisschen am alten IOC-Präsidenten Jacques Rogge gesehen, der zu Beginn seiner Amtszeit Naturzerstörung und Gigantismus aufs Entschiedenste verbal angeprangert hat. Die Vergabe der Winterspiele an Sotschi ist somit als Schlag ins Gesicht von Rogge zu verstehen.

Sie behaupten, der Sport sei politisch. Warum betont dann Thomas Bach in einer Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Autonomie des Sports? Seiner Meinung nach habe es der Sport im Gegensatz zur Politik geschafft, weltweit einheitliche Regeln und Ethik einzuführen und danach zu leben. Er teilt hier Sport und Politik in zwei Sphären.
Zunächst einmal: Das Völkerrecht gilt auch Uno-weit. Demnach hat der Sport nichts geschafft, was nicht schon die Politik geschafft hätte. Ob dagegen verstoßen wird, ist eine andere Frage, die aber an der Geltung nichts ändert. Wenn er meint, dass die Realisierung der Olympischen Charta im Sport überall durchgesetzt wäre, dann wäre das schlichtweg falsch. Genauso wie gegen das Völkerrecht verstoßen wird, wird auch gegen die Olympische Charta verstoßen. Hier stehen Sport und Politik vor dem gleichen Problem.

Suggeriert Bach hier, dass Sport nichts mit Politik zu tun hat?
Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Wie kommt es, dass man – ohne mit der Wimper zu zucken – sagen kann, der Sport sei unpolitisch? Das ist natürlich eine pure Ideologie. Das stimmt einfach nicht. Da reicht schon ein Blick in die Olympische Charta, um diese Aussage zu widerlegen.

Was ist also mit der Autonomie des Sports gemeint?
Damit ist gemeint, dass der Sport nicht politisch instrumentalisiert werden darf. Was er als Sport ist und sein will, ist spielerisch zu inszenieren, was die Menschenrechtserklärung uns versprochen hat: einen fairen, respektvollen Wettbewerb, bei dem nicht von vornherein klar ist, wer der Sieger sein wird. Bei der Frage nach der Autonomie des Sports besteht das Problem nicht darin, dass der Sport eine politische Wirkung hat und für politische Zwecke genutzt wird. Problematisch wird es erst dann, wenn der eigentliche Gehalt des Sports davon abhängt. In diesem Punkt ist eine Autonomie des Sports gegenüber der Politik wichtig.

Simple Frage: Warum hat das IOC die Winterspiele an Sotschi und die Fifa die WM an Katar vergeben?
Die Antwort ist in beiden Fällen die gleiche: Russland und Katar sind neue Absatzmärkte, wo sich hohe Gewinne einfahren lassen. Die Vergabepraxis hat relativ wenig damit zu tun, dass da eine Sportveranstaltung stattfinden soll.

Sehen Sie in der Vergabe der Winterspiele an Sotschi und der Fußball-WM an Katar auch etwas Gutes? Immerhin sind die Gastgeberländer so in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Es wird ausführlich über die Missstände vor Ort berichtet. Könnte der wachsende öffentliche Druck nicht zu positiven Veränderungen in den Ländern führen?
An dem Argument ist etwas dran. Solche großen Sportveranstaltungen bieten die Möglichkeit einer Öffentlichkeit – das Scheinwerferlicht ist auf Sotschi und Katar gerichtet. Aber: Die großen Sportorganisationen, die nach eigenem Bekunden den Anspruch haben, Öffentlichkeit in Bezug auf solche kritischen Aspekte herzustellen, sind die Allerersten, die versuchen, sie wieder runter zu spielen. Es passiert einfach nichts. Ganz im Gegenteil: Jedes Mal, wenn Sportler oder Menschenrechtsorganisationen Missstände anprangern, hat man den Eindruck, dass es eigentlich eher stört. Dass es das Geschäft stört. Und genau in diesem Augenblick kommt immer das Argument, dass man sich nicht in die inneren Angelegenheiten und die Gesetzgebung von souveränen Staaten einmischen könne. Das Bild, das die großen Sportorganisationen von sich selbst zeichnen, stimmt nicht mit ihrem Handeln überein.

„Das IOC und die Fifa agieren nicht“

Es tut sich inzwischen ein bisschen etwas: Katar will die Arbeitsbedingungen im Land von internationalen Rechtsanwälten prüfen lassen. Ist das nicht ein erster Schritt zu mehr Verantwortung?
Die Reaktionen von Katar gibt es nur deshalb, weil es einen bestimmten öffentlichen Druck gibt. Die machen das selbstverständlich nicht freiwillig.

Gilt das auch für das IOC und die Fifa?
Ja. Das ist das eigentlich Empörende: Das IOC und die Fifa agieren nicht, sondern reagieren nur auf öffentlichen Druck.

Bereits in der jüngeren Vergangenheit waren Sport und Menschenrechte ein Thema. Beispiel China: Das Land hatte sich 2008 von den Olympischen Sommerspielen in Peking einen Imageschub versprochen. Auch damals wurde das sportliche Großereignis von Medien genutzt, um auf die problematische Menschenrechtssituation vor Ort aufmerksam zu machen. Hatte Olympia rückblickend betrachtet einen positiven Einfluss auf das Land?
Im Hinblick auf den Imagegewinn ist das, was sich die chinesische Regierung von Olympia versprochen hat, teilweise eingetreten. Das ist zumindest mein Gefühl. Über Peking wird seitdem im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen gesprochen, wenn auch nicht ganz so euphorisch wie über London. Bei der Menschenrechtsfrage bleibt unter dem Strich aber nur der mediale Strohfeuereffekt: Kurz vor den Spielen war das noch ein Thema, aber schon während der Spiele wurde kaum noch darüber berichtet. Ich weiß nichts von weitergehenden Debatten, geschweige denn davon, dass das IOC das Thema auf der Tagesordnung gehalten hätte.

Verlangen sie da vom IOC nicht zu viel?
Man kann natürlich nicht erwarten, dass gerade das IOC die Menschenrechtsprobleme in Gastgeberländern löst. Wenn sich in China nach den Olympischen Spielen nichts an der Menschenrechtssituation ändert, dann hat das zum einen damit zu tun, dass der Sport das alleine nicht schafft. Andererseits hat es aber auch damit zu tun, dass wir alle – einschließlich IOC – die Missstände nicht mehr zum Thema machen. Die Spiele sind vorbei und die Karawane zieht weiter.

Die Medien tragen eine Mitschuld?
Natürlich. Wir führen jetzt wieder die gleichen Debatten wie 2008. Im März nächsten Jahres spricht über Sotschi dann wieder keiner mehr. Diesen Schuh müssen sich die Medien anziehen. Wir sollten diese Diskussionen nicht immer nur von zufälligen Anlässen abhängig machen, sondern uns kontinuierlich damit auseinander setzen. Dann lässt sich vielleicht tatsächlich etwas ändern.

„Bei der Individualmoral hat sich nicht viel geändert“

Sind wir nicht auch als Gesellschaft insgesamt abgestumpft, wenn es um die Bewertung von ethischen Fragen geht? Ist die zynische Aussage von Franz Beckenbauer, er habe nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen, symptomatisch für eine unkritische Egal-Haltung innerhalb der Bevölkerung? Uns scheinen viele Probleme nicht mehr zu kümmern. Fehlen die Vorbilder, die vorangehen?

Beckenbauers Worte stehen für eine ganz bestimmte Haltung von bestimmten Leuten in der Öffentlichkeit – und leider Gottes auch häufig von Sportfunktionären. Bei Beckenbauer kommt hinzu, dass er so langsam alt wird und das Licht so ein bisschen verblasst. Andere wie Rummenigge reden Klartext, wenn sie Kritik an Katar mit dem Hinweis eindämmen wollen, an der Weltmeisterschaft 2022 hingen Milliardenaufträge für die deutsche Industrie. Das Ganze hat eine zynische Komponente, wenn es darum geht, möglichst störungsfrei das Geschäft zu betreiben. Man kann aber andererseits auch sagen, dass wir in solchen Fragen viel aufmerksamer geworden sind. Nach Beckenbauers fragwürdigen Doping-Ausführungen im „Aktuellen Sportstudio“ hat das Publikum gelacht und er hat gar nicht verstanden, warum.

Vor 40 Jahren hätte ihn noch keiner ausgelacht – da hat sich die Situation positiv geändert, auch durch kontinuierlichere Berichterstattung. Wir sind also einerseits sensibler geworden, aber auf der anderen Seite scheint es den Medien nicht zu gelingen, ein Thema über einen längeren Zeitraum im Gespräch zu halten. Katar kann sich übermorgen wieder völlig zurückziehen und ob sich internationale Rechtsanwälte die Situation vor Ort angeschaut haben, wird in vier Wochen keinen mehr interessieren. Selbst die Berichterstattung über Doping hängt noch zu sehr an den Einzelfällen. Da sehe ich das Problem. Bei der Individualmoral hat sich nicht viel geändert.

Macht Ihnen die Kommerzialisierung des Sports Sorgen?
Ich will es mal so formulieren: Die wirtschaftliche Ausschlachtung des Sports ist nur bis zu einem gewissen Punkt realisierbar. Sollten irgendwann Sponsorengelder unmittelbar über den Ausgang sportlicher Wettbewerbe entscheiden, dann verliert der Sport seinen originären Reiz und das Publikum wendet sich ab.

Was ist der spezifische Reiz des Sports?
Dass nicht von vornherein feststeht, wer gewinnt. Nur solange das Publikum davon überzeugt ist, lässt sich der Sport vermarkten.

Ich danke Ihnen für das Interview.

Anis Micijevic ist freier Journalist und schreibt für Handelsblatt Online. Quelle: Armin Dahl / Handelsblatt Online
Anis Micijevic
Handelsblatt / Spätdienst Online + Mobile

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  • Künftig wird Sex insgesamt als "gewaltsame Handlung" eingestuft um Frauen zu demütigen. Das ist dann die nächste Stufe. Immer auf die Männer !!!

    Ganz im Sinne des aktuellen Staats-Feminismus. Frauen werden immer weiter glorifiziert - auf den Männern immer mehr politisch rumgetrampelt.

    Warum nicht Haschisch und Waffen zum Verkauf freigeben, aber unter Strafe stellen, wenn sie jemand kaufen will ?? Das ist doch das selbe, oder ?? Ab wann dürfen Frauen mit nacktem Hintern auf der Strasse laufen - aber unter Strafe gestellt, wenn ein Mann hinschaut ??

  • Die SPD ist eine reine Fassaden-Partei in 3 Stufen.

    1. Oben die Betonköpfe ohne Kontakt zur Basis.

    2. Dann kommt TeleTubbie Gabriel

    3. Dann kommt die SPD-Basis, beitragzahlend und abgekoppelt.

    Gabriel soll die Illusion von volksnaher Partei vermitteln - egal ob die deutschen Wähler damit misskreditiert werden oder nicht, ob das Ganze ein billiges Schauspiel ist oder Trixerei mit doppeltem Boden.

    Nach dem Willen der Deutschen wird sowieso seit 1945 nicht mehr gefragt. Wir sind "untendurch" in ganz Europa seit Ende des Krieges und bei unseren Politikern sowieso.

  • Auch wenn Ihr Ossis es noch nicht verschmerzt habt! Mir sind trotz allem die Amis eine Million mal lieber als die Russen! Ohne die Amis könntet Ihr Eure Scheisse hier eh nicht schreiben! Die Russen hätten Euch direkt in den Gulag geschickt!

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