Sportsegeln
Team(-Bildung) Germany

Wie formiert sich eine Mannschaft dort, wo buchstäblich eine Hand in die andere greifen muss? Unsere Autorin begleitete die neue Crew von Segel-Olympiasieger Jochen Schümann auf der Regattayacht "Platoon" des Hamburger Unternehmers Harm Müller-Spreer.

HB. Das erste hupende Warnsignal kündigt an: noch fünf Minuten bis zum Start vor historischer Kulisse der Rade Sud in Marseille. Entlang der imaginären Startlinie vor der Kulisse des alten Hafens kreuzen 14 High-Tech-Yachten wie nervöse Bullen in weißer Gischt auf und ab, belauern und jagen sich. Eine Minute später das zweite Signal. Noch vier Minuten bis zum Start. Langsam kommt Ordnung in die Horde. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen, reihen sich die Kohlefaser-Rennmaschinen zu einer Kette auf. Je nach Interpretation von Wind und Strom haben sich die Crews zu diesem Zeitpunkt entschieden, auf welcher Seite der Startlinie sie starten wollen, um die nächste Wendemarke schnellstmöglich zu erreichen.

An Bord der "Platoon" ist es still. Nur hin und wieder dröhnt ein kurzes Kommando übers Deck. Der letzte Hupton: noch eine Minute. An Deck herrscht jetzt höchste Konzentration. Grinder Tim Kröger aus Hamburg zählt laut die Sekunden herunter. Der Südafrikaner Marc Lagesse gibt seinem Steuermann Jochen Schümann laufend Auskunft über die Distanz zur Linie und die dafür vom Bordcomputer errechnete Zeit. Die kann der Navigator im Heck der Yacht auf dem Touchscreen in seinen Händen ablesen. Der neuseeländische Taktiker Rod Dawson und Stratege Harm Müller-Spreer informieren Schümann über die Positionierung der Konkurrenz. Die letzten 20 Sekunden laufen.

Schümanns Gehirn funktioniert jetzt wie ein Computer. Es muss ungeheure, von der Mannschaft zugelieferte und selbst erfasste Datenmengen in optimale Positionierung und Geschwindigkeit umsetzen. Ganz vorne auf der Bugspitze der 16 Meter langen Yacht steht der französische Vorschiffsmann Jean-Marie Dauris, beim Countdown eine menschliche Ampel für den Steuermann. Zwei gerade Finger am rechten ausgestreckten Arm bedeuten: noch zwei Bootslängen zur Startlinie. Schümann gibt Gas. Seine Gaspedale sind die Segeltrimmer, die wie ein Orchester auf jede Regung am Steuer reagieren. Mit dem krachenden Schuss aus der Startpistole beschleunigt Schümann das Schiff über die Linie. 9,2 Knoten sind auf der Jumbo-Anzeige am Mast zu lesen. Egal, was Schümann jetzt an der Pinne macht - die Crew hat es bereits antizipiert und geht mit.

Schümanns Team wird an diesem Tag die Zwischen- und die Gesamtwertung der Mittelstrecke gewinnen. "Double Bullet for Platoon" steht später in der internationalen Pressemitteilung geschrieben. Dieser Rennsieg am 5. Juni 2008 ist ein historischer Sieg. Der erste im MedCup für das internationale Team unter schwarz-rot-goldener Flagge. Schümann ist die Erleichterung am Abend anzumerken: "Der Bann ist gebrochen - wir können hier siegen!" Und das ist durchaus ein kleines Wunder, denn Boot und Team sind zu diesem Zeitpunkt keine zwei Monate beisammen - eine auch für Profiverhältnisse sehr junge Ehe. Vor der ersten Regatta im MedCup im Mai in Alicante hatten Schümann und seine Mannschaft gerade einmal zehn hektische Tage Zeit, die werftneue Yacht zu optimieren und mit der Crew zu trainieren.

Zwar bringen es die 15 Männer an Bord auf mehr als 450 Jahre Segelerfahrung und rund 50 Jahre Einsätze im America's Cup. Segeln ist ein fast schon krasser Erfahrungssport. Als ältestes Team mit einem Altersdurchschnitt von fast 41 Jahren gewann zuletzt "Alinghi" den America's Cup. Das Durchschnittsalter an Bord der Platoon beträgt 37 Jahre. Auch deswegen harmoniert das von Schümann in wenigen Wochen neu zusammengestellte Team wie ein meisterliches Uhrwerk.

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