Start der Tour de France
Wenn der Falsche die Bestzeit fährt

Beim Start der Tour de France dominiert die Unsicherheit, wie man mit dem allgegenwärtigen Dopingthema umgehen soll. Niemand vermag das rechte Maß zu finden, wenigstens eine Atmosphäre von Willen und Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Auch der Veranstalter steht dem Problem hiflos gegenüber.

LONDON. Zwei Rennräder stehen unter dem Zelt des kasachischen Rennstalls Astana. Auf dem einen sitzt Alexander Winokurow, er hält den Kopf gesenkt, Schweiß rinnt ihm von der Stirn, die Nasenflügel hinunter auf sein türkisfarbenes Trikot. Winokurow schwitzt, weil er gleich auf die 7,9 Kilometer lange Strecke durch London-Westminster muss. Der andere auf dem Rad neben ihm, weil er gerade von der Strecke kommt. Der eine rollt sich ein, sagen sie im Radsport, der andere rollt sich aus. Der andere ist Andreas Klöden.

Klöden ist mit Bestzeit unters Zeltdach zurückgekehrt. Zwölf Sekunden war er schneller, auf einer kurzen Strecke wie dieser eine halbe Ewigkeit. Und Klöden ist nicht einmal ein Zeitfahrspezialist. Die Tour de France hat ihren ersten Verdacht.

Der Verdacht, Klöden könnte sei-nen Beinen mit unerlaubten Mitteln mehr Schwung verliehen haben, steht in Person von Medienvertretern am Absperrzaun neben dem Zelt. Ein Dutzend Mikrofone zucken, die der deutschen Fernsehanstalten sind am häufigsten. ARD, SWR, ZDF. Deutsche Medien sind in diesen Tagen wie Schmeißfliegen. Dabei haben sie das große französische Radrennen jahrelang ungefiltert in die Haushalte übertragen. Dieses Jahr wollen sie nur noch kritisch berichtet. Kritisch berichten heißt, Verdacht hegen. Überall da, wo es nach Doping riecht.

Und bei Astana ist der Geruch am strengsten. Winokurow steht spätestens unter Verdacht, seit er zugegeben hat, mit dem dopingumwitterten italienischen Arzt Michel Ferrari die Trainingspläne auszutüfteln. Dazu das gesamte Team: Astana, Kasachstan, Berge, in die kein Kontrolleur gelangt. Der kasachische Verbandspräsident ist gleichzeitig Verteidigungsminister. Man kennt und schätzt sich.

Hervorgegangen ist Astana vergangenen Sommer aus dem spanischen Team Liberty Seguros. Teammanager war Manolo Saiz, Großkunde beim Madrider Dopingmischer Eufemiano Fuentes. Jüngst wieder zwei Dopingfälle: Matthias Kessler, gesperrt wegen eines überhohen Testosteronwertes. Eddy Mazzoleni, suspendiert wegen starken Verdachts. Nun Klöden: zwölf Sekunden. Bei keinem anderen Team stehen Briten und Tour-Touristen mit solcher Ehrfurcht an der Absperrung. Es wird nicht einmal geflüstert. So stehen Menschen im Zoo vor Terrarien mit Schlangen.

Zwölf Sekunden, Ferrari, Fuentes, Testosterondoping des letztjährigen Gesamtersten Floyd Landis, Salbutamolüberdosis beim Star der Sprinterszene Alessandro Petacchi, dazu die zahlreichen Geständnisse in Deutschland über Epo-Doping in den Neunzigern. Wie hinsehen, ohne zu denken: Der womöglich auch.

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