Stimmungen und Impressionen aus Turin: Sport topp, Stimmung oftmals hopp

Stimmungen und Impressionen aus Turin
Sport topp, Stimmung oftmals hopp

Die XX. Olympischen Winterspiele enden mit einem großen Dilemma. Während der 17 Tage von Turin wurden Stimmung und Zuschauerzuspruch den begeisternden sportlichen Ereignissen häufig nicht wirklich gerecht.

Die XX. Olympischen Winterspiele von Turin gehen am Sonntag nach 17 Tagen zu Ende. "Italien hat sich unsere Wertschätzung erworben, wir verlassen es glücklich und zufrieden", sagte IOC-Präsident Jacques Rogge auf der Abschluss-Pressekonferenz. Olympiasieger Jean Claude Killy lobte als IOC-Koordinator vor allem "die besten Wettkampfstätten aller Winterspiele", Organisation und Sicherheit.

Doch trotz mehr als 900 000 verkaufter Tickets, was einer Auslastung von über 90 Prozent entsprach, fand großartiger Sport zu oft vor Geisterkulissen statt. Auch wenn Rogge "dies nicht so empfand" - und wahrscheinlich die meisten Fernsehzuschauer rund um die Welt auch nicht. Denn es waren Spiele für den Bildschirm, der Entfernungen verwischt.

Funke sprang selten über

"Es tat mir Leid um die Athleten", sagte selbst IOC-Vize Thomas Bach über das Großereignis, bei dem zwischen dem 10. und 26. Februar 2006 zu selten der Funken übersprang. Der olympische Geist irrte in einem Radius von 100 Kilometern herum, ohne den Weg in die Herzen der Teilnehmer und Gäste zu finden.

Nur bei den großen Festen waren die Italiener Meister der Inszenierung. Das galt für die Eröffnungsfeier ebenso wie für die abendlichen Siegerehrungen auf der Medal Plaza. Der Transport klappte reibungsloser als befürchtet, nur einmal ging in den Bergen fast nichts mehr. Es waren also keine Chaos-Spiele. Rund 18 000 ehrenamtliche Helfer bemühten sich redlich.

Sportliche Dramatik in Fülle

Die 84 Entscheidungen boten sportliche Dramatik in Fülle, sahen große Sieger und Favoritenstürze an fast jedem Tag. Nach einem Wechselbad der Gefühle setzte sich Deutschland zum dritten Mal innerhalb der letzten fünf Spiele als Nummer eins durch. Dabei war die Spitze so eng wie nie zusammengerückt. Sie bestand - nimmt man die Zahl der Medaillen als Maßstab - aus sechs Mannschaften.

Österreich stieß völlig überraschend in diesen Kreis, dazu kamen Russland, die USA und durchaus erwartet Kanada - mit Vancouver 2010 bereits im Blick. Auch Norwegen gehörte weiter dazu, selbst wenn es am Sieger-Gen und damit an Gold diesmal mangelte. Ole Einar Björndalen und Marit Björgen waren unter den zahlreichen Namen, die ihrem Ruf nicht gerecht werden konnten.

Spiele der gestrauchelten Favoriten

Das galt ebenso für US-Star Bode Miller (Alpin), Finnlands nordische Könige Hannu Manninen (Kombination) und Janne Ahonen (Skispringen) - oder für Anni Friesinger, Claudia Pechstein, Ronny Ackermann und Georg Hackl. Die Eishockey-Hochburgen Kanada, USA und Russland wurden geschleift. Mit anderen Worten: keines der großen Länder kam ungerupft davon.

Aber zumeist wurden sie entschädigt. Auf Österreichs Schmerz in der Männer-Abfahrt folgten erst die Höhenflüge seiner "Adler", und am Ende besetzten seine Alpinen das gesamte Slalom-Podest. Deutschland zauberte einen Michael Greis oder einen Georg Hettich aus dem Hut.

Glück und Unglück bei den Gastgebern

Auch bei den Gastgebern wechselten Glück und Leid. Enrico Fabris verwandelte das Eis-Oval in einen Hexenkessel, Stürze der Lieblinge beim Eiskunstlaufen lösten blankes Entsetzen aus. Giorgio Roccas Tanz durch die Slalomstangen war nach gut 30 Sekunden zu Ende, aber am Sonntag triumphierte Giorgio di Centa über die 50km, deren Sieger während der Schlussfeier geehrt werden sollte - Hollywood hätte das drehbuchreife Finale nicht besser schreiben können.

Manche vergoldeten zum Abschluss ihre große Karriere, wie Michaela Dorfmeister aus Österreich bei den Alpinen oder die Tschechin Katerina Neumannova in der Loipe. Shizuka Arakawa rührte mit ihrem Eiskunstlauf-Sieg das Land der aufgehenden Sonne zu Tränen, Kristina Smigun machte mit zweimal Loipen-Gold ganz Estland stolz. Und wer hatte erwartet, dass Ireen Wüst, ein holländischer Teenager, Anni und Claudia die Kufen zeigt?

Nur ein positiver Dopingtest

An der Dopingfront blieben die dunklen Wolken erstaunlich rar. Von 1 200 Kontrollen wurde bis Sonntag nur eine positiv gemeldet, die der russischen Biathletin Olga Pylewa. Der Skandal um Österreichs Langläufer und Skijäger schwelt. Thomas Bach will mit einem Dreier-Gremium versuchen, "den Sumpf trocken zu legen".

Zum Auftakt der Spiele hatte der Tauberbischofsheimer mit der erneuten Wahl zum IOC-Vize einen weiteren Prestigeerfolg verbucht. Georg Hackl schaffte es dagegen nicht, als Athletenvertreter ins IOC einzuziehen, wo Deutschland nur durch Bach und NOK-Ehrenpräsident Walther Tröger vertreten ist, Italien aber zum Beispiel fünfmal.

Die olympische Familie blickt mit gemischten Gefühlen auf Turin zurück und voller Erwartung Peking 2008 und Vancouver 2010 entgegen. An beiden Orten wird sich während der Spiele alles nur um Olympia drehen. Diese Atmosphäre hat man im Piemont zu oft vermisst. Trotz aller Lobgesänge vom Olymp.

© SID

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