Tennis Daviscup
Becker "mächtig stolz" auf den Adler auf der Brust

Die Nominierung für das deutsche Daviscup-Team ist der Höhepunkt in der noch jungen Karriere des Tennisprofis Benjamin Becker. Im Interview unterstreicht der 25-Jährige sein Talent für Teamwettbewerbe.

Auf einem echten Höhenflug befindet sich derzeit Benjamin Becker, der jetzt erstmals für das deutsche Daviscup-Team nominiert wurde. Erst nach einem vierjährigen Wirtschaftsstudium in den USA, wo er mit dem Collegeteam der Baylor Universität in Waco/Texas große Erfolge feierte, entschied sich der heute 25-Jährige Anfang 2006 für eine Profikarriere.

Als Nummer 112 der Weltrangliste beendete Becker im August 2006 in der dritten Runde der US Open in New York mit einem 7:5, 6:7, 6:4, 7:5 die große Karriere von Andre Agassi. Rückblickend sagt Becker über dieses Match: "Ich war einfach zur rechten Zeit am rechten Ort."

Nach seinem starken Auftritt bei den Australian Open in Melbourne, wo er dem Russen Marat Safin trotz der Niederlage einen großen Kampf lieferte, wurde Becker von Daviscup-Teamchef Patrik Kühnen erstmals nominiert. Am kommenden Wochenende feiert der Saarländer in Krefeld als zweiter Einzelspieler neben Tommy Haas sein Debüt gegen Kroatien. Der Sport-Informations-Dienst sprach vor der Partie mit Becker.

sid: "Hat der Anruf von Patrik Kühnen Sie überrascht oder hatten Sie ihn vielleicht sogar schon erwartet?"

Benjamin Becker: "Erwartet hatte ich ihn auf keinen Fall. Natürlich hofft man immer ein bisschen, dass man dabei ist, und ich wusste ja auch, dass ich in der engeren Wahl war. Aber als Patrik dann angerufen hat, war es trotzdem die totale Überraschung. Ich freue mich sehr, dass ich dazugehöre, und ich bin auch sehr stolz."

sid: "Sind Sie denn mittlerweile im Team angekommen, fühlen Sie sich wohl in dieser neuen Umgebung?"

Becker: "Also, es ist schon noch ein komisches Gefühl, das gebe ich gerne zu. Als ich am Montag meinen Trainingsanzug bekommen habe mit meinem Namen und dem Adler vorne auf der Brust und dem Schriftzug Deutschland auf dem Rücken, da war ich schon mächtig stolz."

sid: "Ihre Karriere verlief ja nicht so, wie das üblicherweise der Fall ist. Nach der Schule sind Sie erstmal ins Ausland gegangen ..."

Becker: "Nein, das stimmt nicht ganz. Ich habe es nach dem Abitur schon einmal als Profi probiert. Ein Jahr lang habe ich Future-Turniere gespielt, aber das lief nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es hat mir damals überhaupt nicht gefallen, wahrscheinlich war ich deshalb auch nicht besonders erfolgreich."

sid: "Wie kam es denn zu dem Entschluss, in die USA zu gehen?"

Becker: "Ich bekam das Angebot von der Baylor-Universität in Waco, dort zu studieren und für das College-Team Tennis zu spielen. Das war eigentlich genau das, was ich wollte, aber in Deutschland ist es nahezu unmöglich, Profitennis und Studium zu verbinden. Deshalb kam mir das Angebot aus Waco sehr gelegen, es war für mich die Chance, das zu tun, was ich wollte."

sid: "Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?"

Becker: "Voll und ganz, ich kann nur jedem jungen Spieler raten, nach der Schule wenigstens mal für ein Jahr ins Ausland zu gehen. Ich war auf mich alleine gestellt, für alle meine Belange selbst verantwortlich, das hat mich unglaublich geschult. Sportlich bin ich in ein tolles Team gekommen, ich habe dort und in der ganzen Welt mittlerweile richtig gute Freunde. Für mich war es immer ein ganz besonderer Ansporn, für meine Teamkollegen zu kämpfen, nicht nur für mich selbst. Das hat mich ungeheuer motiviert."

sid: "Sie sind dann aber doch wieder zurückgekehrt ..."

Becker: "Ja, nach vier sehr intensiven Jahren in den USA habe ich beschlossen, es noch einmal als Profi zu versuchen. Diese vier Jahre habe ich gebraucht, und ich kann nur sagen, dass ich es immer wieder so machen würde. Für mich war es genau der richtige Weg."

sid: "Hatte eigentlich Ihr berühmter Namensvetter Boris Becker irgendeinen Einfluss darauf, dass Sie mit dem Tennis begonnen haben?"

Becker: "Ja, absolut, ich würde sogar behaupten, dass ich seinetwegen Ende der 80er Jahre angefangen habe. Als er 1991 die Australian Open im Finale gegen Ivan Lendl gewann, war ich neun Jahre alt und bin für dieses Match nachts aufgestanden. Daran erinnere ich mich noch ganz deutlich, danach bin ich hinters Haus gegangen und habe Bälle gegen die Wand gedroschen."

sid: "Welchen Stellenwert hat für Sie ganz persönlich jenes denkwürdige Match gegen Andre Agassi bei den US Open?"

Becker: "Ich sehe das auch im Nachhinein ganz realistisch: Andre war an jenem Tag nicht fit, er hat sich auf dem Platz gequält, das hat doch jeder gesehen. Ich habe mir das Match anschließend nochmal in Ruhe angesehen und muss sagen, dass es wirklich kein gutes Tennis war, was wir da gespielt haben. Wir haben beide sehr mit uns selbst zu kämpfen gehabt, er, weil er wusste, dass es sein letztes Match werden könnte, und ich, weil das eben Andre Agassi auf dem Centre Court der US Open war, der mir da gegenüberstand. Es hat schon sehr viel Energie gekostet."

sid: "Hat das Match Ihren persönlichen Stellenwert in der Szene verändert?"

Becker: "Ja, das denke ich schon. Zum Beispiel habe ich keine Probleme mehr, einen Trainingspartner zu finden. Ich würde es mal so formulieren: Ich war einfach zur rechten Zeit am rechten Ort."

sid: "Was würden Sie als die größten Stärken in Ihrem Spiel bezeichnen?"

Becker: "Auf jeden Fall die Vorhand und den Aufschlag. Wenn der richtig kommt, kann ich auf jeden Gegner Druck ausüben. Außerdem bin ich wie schon gesagt ein Teamspieler. Gemeinsam mit anderen ein Ziel zu verfolgen, das setzt enorme Kräfte bei mir frei."

sid: "Was sind denn Ihre ganz persönlichen Ziele für das Tennisjahr 2007?"

Becker: "Ach, ich denke da nicht so ganz weit voraus. Ich wollte in der ersten Hälfte des Jahres die Top 50 knacken, das habe ich als aktuelle Nummer 49 der Welt ja schon mal geschafft. Langfristig möchte ich natürlich schon in die Top 20, am liebsten noch in die Top Ten, aber damit bin ich wahrscheinlich nicht die große Ausnahme. Das will schließlich jeder, der diesen Sport betreibt. Es kommt halt drauf an, ob man es schafft. Ich werde jedenfalls alles dafür tun."

© SID

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