Tischtennis EM
Bolls Goldhunger ist noch nicht gestillt

Timo Boll will nach dem Europameistertitel mit der Mannschaft auch im Einzel und im Doppel nach Gold greifen. Mit Partner Christian Süß hat er das Auftaktspiel locker gewonnen.

Timo Boll macht sich vor seinem Auftakt in der Einzelkonkurrenz gegen den Letten Olegs Kartuzovs Sorgen um ein mögliches Olympia-Loch. Nach dem EM-Triumph mit dem Team fürchtet der Weltranglistensiebte um seine Motivationskünste. "Ich hoffe nicht, dass ich wie in Peking nach dem Mannschaftswettbewerb schon zu zufrieden bin. Ich muss mich selbst noch einmal gewaltig pushen", sagte Boll. Der erneute Titel mit dem Team war für ihn lediglich Teil eins seiner persönlichen Gold-Trilogie. Auch in Einzel und Doppel ist der 27-Jährige als Titelverteidiger der Gejagte.

In Peking war der deutsche Spitzenspieler nach dem Team-Silber im Einzel schon im Achtelfinale gescheitert. Das soll ihm bei den kontinentalen Titelkämpfen in St. Petersburg auf keinen Fall passieren. In der Doppelkonkurrenz war jedenfalls keine Spur von Motivationsproblemen zu sehen. Dort steht Boll mit seinem Partner Christian Süß bereits in der zweiten Runde. Die Titelverteidiger starteten mit einem locker herausgespielten 3:0-Pflichtsieg gegen die Zyprer Onjan Serafimov und Andreas Tziambos in das Turnier. In der dritten Runde treffen Boll/Süß auf die Rumänen Constantin Cioti und Lucian Filimon.

Keine große Siegesfeier nach dem Mannschaftstitel

Die große Sause gab es für Boll und die Goldjungs nach dem dramatischen 3:2 über Weißrussland deshalb nicht. "Es ist immer schwierig, wenn es am nächsten Tag weitergeht. Wir haben nicht zu feucht-fröhlich gefeiert", berichtete Boll. An der Hotelbar gab es lediglich ein paar Bier, dazu gab eine bayerische Kapelle ihr Repertoire zum Besten. In Russland dauert das Oktoberfest eben ein wenig länger.

Damit die Party-Stimmung anhält, muss Boll vor allem im Einzel eine gehörige Schippe drauflegen. Zwar war der Weltcup-Zweite in der Vorrunde sowie im Viertelfinale der Punktegarant, doch in der letzten beiden Spielen zeigte er erstmals deutliche Schwächen. In den Prestige-Duellen gegen Österreich Ex-Weltmeister Werner Schlager (1:3) und den Weltranglistenfünften Wladimir Samsonow (0: 3) aus Weißrussland kassierte Boll deutliche Pleiten.

"Gegen die ganz Großen hat es noch nicht gereicht. Ich muss mich gewaltig steigern, aber das geht vielleicht mit dem Teamtitel im Rücken etwas leichter", sagte Boll. Auf Schlager kann Boll erst im Halbfinale treffen, Samsonow würde dann in einer Neuauflage des Vorjahresfinales warten. Bei einem Sieg in seiner Auftaktpartie am Donnerstagmorgen gegen Olegs Kartuzovs würde Boll in der nächsten Runde gegen Constantin Cioti aus Rumänien oder Lubomir Jancarik aus Tschechien spielen.

Neben der eigenen Zufriedenheit kann auch der Körper Boll nach einer langen Saison einen Strich durch die Rechnung machen. Er fühle sich schon ein wenig müde nach all den Turnieren. Die Mannschafts-WM im März hatte er zwar verletzt verpasst, doch in Liga, Champions League, Pro Tour, Olympia und Weltcup hetzte er fit von einem Höhepunkt zum nächsten.

Mit Dimitrij Ovtcharov hat Deutschland ein zweites Eisen im Feuer

Auch Jungstar Dimitrij Ovtcharov wirkte in St. Petersburg phasenweise müde und überspielt. Doch der zweiten deutschen Einzel-Medaillenhoffnung half neben seiner mentalen Stärke auch die Atmosphäre in der Halle. "Das ist eine schöne Erfahrung. Jeder hat mich hier unterstützt, das hat mir extrem geholfen", sagte der gebürtige Ukrainer.

Ovtcharovs Vater war einst russischer Meister, bevor es die Familie nach der Nuklear-Katastrophe von Tschernobyl nach Deutschland zog. Dadurch lassen sich auch die sonst so reservierten Russen in den Matches des 20-Jährigen zu "Dima, Dima"-Rufen hinreißen.

Mit dem Publikum im Rücken kann es Ovtcharov vielleicht bei seiner zweiten EM bereits ganz nach oben schaffen. Die Auslosung ermöglicht sogar ein Finalduell mit Boll. Im vergangenen Jahr unterlag Ovtcharov noch gegen seinen Teamkollegen im Halbfinale deutlich, in St. Petersburg will der Kronprinz etwas heftiger an dessen Thron rütteln.

© SID

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