Tischtennis-WM
Für die Chinesen zählt nur fünf Mal Gold

Druck ist für chinesische Spitzensportler nichts Ungewöhnliches. Doch der Druck, der auf den Tischtennis-Assen des Landes lastet, wenn am Samstag die Einzel-Weltmeisterschaft im heimischen Shanghai startet, ist selbst für die Drill-geschulten Chinesen neu.

HB SHANGHAI. Nicht weniger als fünf Goldmedaillen in fünf Wettbewerben werden von den Spielerinnen und Spielern aus dem Reich der Mitte erwartet. So wie vor zehn Jahren bei der WM in Tianjin, als alle Titel in China blieben.

Relativ entspannt können die chinesischen Damen das Vorhaben angehen: In den vergangenen zehn Jahren hat stets eine von ihnen den WM-Titel gewonnen. In den Doppelwettbewerben ist die Erfolgsserie der Chinesinnen gar noch länger.

Dagegen müssen die Herren um ihren Triumph zittern. Zwar dominieren die Chinesen das Spiel mit dem kleinen Zelluloid-Ball auch im Männer-Bereich seit Jahren und haben in der Weltrangliste mit Wang Liqin, Ma Lin und Wang Hao drei Spieler auf den Plätzen eins bis drei. Doch bei Großereignissen mussten die erfolgsverwöhnten Sportler zuletzt anderen den Vortritt lassen: Bei der WM in Paris 2003 gewann überraschend der Österreicher Werner Schlager den Titel und ein Jahr später schnappte der Südkoreaner Ryu Seung Min den Chinesen auch die olympische Goldmedaille in Athen weg.

Das darf den Chinesen bei der WM im eigenen Land nicht wieder passieren. Deshalb haben die Trainer um den früheren Weltmeister Liu Guoliang die Vorbereitungen im Vergleich zu früheren Wettbewerben noch einmal verschärft. Das erste Trainingslager für die WM-Kandidaten fand bereits Anfang des Jahres statt, eine Reihe interner Ausscheidungsturniere und viele harte Wochen trockenen Systemtrainings bis an die körperlichen Belastungsgrenzen folgten. Am Ende wählten die Trainer jene sieben Spieler aus, die für China den absoluten Triumph erreichen sollen. Neben den drei Führenden der Weltrangliste sind dies die Routiniers Kong Linghui, Liu Guozheng sowie die jüngeren Chen Qi und Hao Shuai.

An der Stärke des chinesischen Teams lässt auch die Konkurrenz keinen Zweifel aufkommen: "Wenn es den Chinesen gelingt, alle Spieler über die ersten Runden zu bringen, wird es ganz schwer, sie zu schlagen", sagt der deutsche Bundestrainer Dirk Schimmelpfennig. Anders sehe es allerdings aus, falls der eine oder andere Spieler des Gastgebers früh stolpern sollte: "Der Druck auf die Spieler ist enorm. Jeder erwartet den Titel im eigenen Land. Wenn es in den ersten Runden nicht nach Plan läuft, könnten die Chinesen nervös werden. Das ist die Chance der Konkurrenz."

Und die Chance für Timo Boll. Deutschlands bester Tischtennis-Spieler, aktuell die Nummer fünf der Weltrangliste, will sich in Shanghai für die bittere Pleite bei der Europameisterschaft vor einem Monat rehabilitieren, als er mit der Mannschaft im Viertelfinale und im Einzel bereits im Achtelfinale scheiterte. "Ich hatte in Aarhus nicht die Top-Form, die ich brauche, um ganz nach vorne zu kommen", gesteht Boll im Gespräch mit dem Handelsblatt.

In Shanghai will sich Boll mit seinem besten Tischtennis in die Medaillenränge spielen. Allerdings hat der 24-Jährige eine schwere Auslosung erwischt. Bereits im Achtelfinale könnte es zum Aufeinandertreffen mit dem Rumänen Adrian Crisan kommen, dem Boll bereits im Mannschafts-Wettbewerb in Aarhus unterlag. Bei einem Erfolg würde im Viertelfinale mit Ma Lin dann ein weiterer Angstgegner auf den Deutschen warten.

Neben Boll müssen die Chinesen vor allem den Olympiasieger Ryu Seung Min aus Südkorea sowie Vladimir Samsonov aus Weißrussland fürchten, der sich bei der EM in glänzender Form präsentierte. Aber auch Weltmeister Werner Schlager, der die Chinesen vor zwei Jahren reihenweise das Fürchten lehrte, sowie einige der jüngeren Europäer wie Crisan oder Mannschafts-Europameister Michael Maze aus Dänemark haben die Experten auf der Liste.

Der deutsche Nachwuchs um den 19-jährigen mehrfachen Jugend-Europameister Christian Süß greift in Shanghai noch nicht nach den Medaillen. "Für die jungen Spieler geht es darum, den einen oder anderen Top-Spieler zu schlagen und sich auf einem höheren Spielniveau zu etablieren", sagt Bundestrainer Schimmelpfennig. Die große Bewährungsprobe steht dem DTTB-Nachwuchs im kommenden Jahr bevor. Dann finden in Bremen die Mannschafts-Weltmeisterschaften statt - und da wollen die Deutschen den scheinbar übermächtigen Chinesen Paroli bieten.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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