Tour de France 2008
Probe aufs Exempel

Nach den Dopingskandalen der vergangenen Jahre versuchen die Veranstalter der Tour de France 2008 das Vertrauen in den Radsport wieder herzustellen. Scheitern ihre Bemühungen muss die Tour um ihre Sponsorenverträge und Fernsehgelder zittern.

BERLIN/BREST. Nicht, dass danach einer kommt und sagt: Ihr seid nicht vorbereitet gewesen. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten scheuen bei der Tour de France keinen Vorwurf mehr als diesen. Also haben sie ihre Mitarbeiter zum Training geschickt, nach Saarbrücken zu Professor Wilfried Kindermann. Kindermann ist Institutsleiter für Sportmedizin an der Universität. Und Dopingexperte. Kindermann hat die Mitarbeiter von ARD und ZDF in einem Spezialseminar über die Tour und Chemie im Radsport aufgeklärt. Jetzt fühlen sie sich alle bestens präpariert. Voilà, die Tour kann beginnen!

Will sagen: Es kann auch gedopt werden, wir sind vorbereitet. ARD/ZDF-Teamchef Roman Bonnaire erklärte gestern im Startort Brest, man sei gewappnet für den Fall, dass auch die 95. Ausgabe der Frankreichrundfahrt von positiven Dopingbefunden heimgesucht wird. „Wir werden uns nicht sofort zurückziehen, sollte es bei der Tour einen oder zwei Dopingfälle geben. Wir machen die Probe aufs Exempel.“ Übersetzt bedeutete Bonnaires früher Verzicht auf einen Ausstieg wie noch vor einem Jahr nach dem Dopingfall Patrik Sinkewitz, dass man hinschauen will anstatt weg. ARD und ZDF waren fast ein Jahrzehnt lang auf den krummen Rücken von Fahrern wie Jan Ullrich, Erik Zabel, Udo Bölts oder Rolf Aldag mit Pomp und Palaver quer durch Frankreich geradelt. Als sie letztes Jahr dann plötzlich abzogen, sah es so aus, als zöge da jemand von dannen, der jahrelang Teil des Problems gewesen ist.

Nicht noch einmal. Zumal der TV–Vertrag mit dem Ausrichter der Tour, der Amaury Sports Organisation (Aso) kommendes Jahr auslaufe, wie es unter der Woche bei ARD und ZDF hieß. Es bliebe so nur noch diese Tour, um zu prüfen, ob sich der ganze Aufwand lohnt: GEZ-Gelder in Millionenhöhe für eine Armada an Übertragungswagen, Hundertschaften von Kabelträgern, Kameraleuten und Moderatoren, Experten fürs Grobe und Sublime, für Kühe, Kirche, Kulinaria – und natürlich für Doping, 160 Stunden live.

Das ist die eine Probe aufs Exempel. Die andere ist: Schaut jemand nach gut zehn Jahren, da deutsche Fahrer um das Gelbe Trikot mitfuhren, noch hin, wenn die pedaletretenden Landsmänner (16, verteilt auf vier Teams) Namen tragen wie Kraus (Gerolsteiner), Knees, Müller (beide Milram). Die so alt sind wie Jens Voigt (36, CSC/Saxo Bank), Bert Grabsch (35) oder Erik Zabel (37, beide Milram). Und die bescheidene Ziele angeben wie Ciolek vom T-Mobile-Nachfolgerteam High Road/Columbia („Ich will in den Sprints vorne dabei sein und meine Chance suchen“) oder Fothen vom Team Gerolsteiner („Ich will unter die besten Zehn“). Wahrscheinlich schauen sie nicht hin, Wetterprognosen sagen einen sonnenwarmen Juli voraus.

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