Tour de France
Tony Martin und das „Unternehmen Gelb“

Tony Martin blickt in den Himmel. Bleibt es am Samstag trocken, oder gewittert es? Das ist die große Frage für den Topfavoriten beim Zeitfahren zum Tour-Auftakt in Utrecht. Er will das erste Gelbe Trikot seiner Karriere.
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UtrechtAuf dem Papier trennen Tony Martin nur 13,8 Kilometer von seinem derzeit größten sportlichen Ziel. Aber die Fahrt durch Utrecht, an deren Ende das erste Gelbe Trikot der 102. Tour de France auf seinen Besitzer wartet, führt ins Ungewisse. Wie wird das Wetter, wie sind die Konkurrenten drauf, wann soll oder muss der dreimalige Zeitfahr-Weltmeister in seiner Paradedisziplin starten? Das sind die größten Unwägbarkeiten vor Martins „Unternehmen Gelb“.

Nach der ersten Besichtigung des Stadtkurses von Utrecht war Martin „positiv überrascht“: Weniger Kurven als gedacht, alles in allem ein „runder Kurs“, wie sein Betreuer Rolf Aldag befand. „Das Wetter ist der größte Unsicherheitsfaktor. Tony ist unser vorletzter, gemeldeter Fahrer vor Weltmeister Kwiatkowski. Aber wir wissen nicht, wie die Organisatoren ihn im Starterfeld setzen werden. Nach 14.00 Uhr soll es am Samstag nach anfänglichen Schauern wieder trocken sein“, sagte Aldag am Freitag der Deutschen Presse Agentur. Er informiert sich auf etwa zehn verschiedenen Wetter-Apps.

Regennasser Asphalt hatte in den Niederlanden schon einmal Martins Traum von Gelb zerstört. 2010 in Rotterdam verhinderte womöglich ein leichter Nieselregen den Coup – Fabian Cancellara aus der Schweiz war zehn Sekunden schneller. 2012 in Lüttich zerschnitt ihm im Prolog eine Glasscherbe den Hinterreifen. Diesmal soll alles besser laufen. „Tony ist in Topform“, erklärte Ex-Profi Aldag.

Der nach seiner Sturzverletzung im Frühjahr zurückgekehrte Cancellara dürfte neben dem Lokalmatador Tom Dumoulin wieder der härteste Martin-Herausforderer sein. Der Berner, der vielleicht seine letzte Tour fährt, verlor zuletzt ein Zeitfahren zu Beginn der Tour vor zehn Jahren in Noirmoutier am Atlantik. Am Samstag peilt Cancellara seinen sechsten Auftaktsieg an. „Ich war schon 28 Tage in Gelb - da können gern noch ein paar dazukommen“, sagte der 34-Jährige am Freitag.

Bei Regen wird Martin nicht nach Zockermanier „Alles oder nichts“ spielen. „Er wird auf jeden Fall so schnell fahren, wie es geht“, meinte Aldag, der sich im Hinblick auf die Qualität der verwendeten Reifen „vielleicht sogar Regen“ wünschen würde, „wenn das alle Fahrer betrifft“. Der als große Innovation beschriebene Sattel mit einer rutschfesten Oberfläche ist laut Aldag ein alter Hut: „Den benutzen wir schon ein paar Jahre.“

Der frühere Telekom-Fahrer erinnert sich noch an seinen völlig überraschenden vierten Platz im Tour-Prolog von 1995 bei strömendem Regen in St. Brieuc in der Bretagne: „Damals stürzte Topfavorit Boardman und musste mit einem gebrochenen Fuß abreisen.“

Sollte Martin zum Auftakt an die Spitze des 198 Fahrer umfassenden Gesamtklassements rasen, könnten die Chancen nicht schlecht stehen, dass er länger auf dem Tour-Olymp verweilen kann. „Das Trikot bis zum Teamzeitfahren der neunten Etappe zu verteidigen, wäre mein Wunschtraum“, erklärte der Profi aus dem Etixx-Quick-Step-Team. Dazu müsste er allerdings vor der schweren dritten Etappe, die wie der belgische Klassiker Flèche Wallone am Montag an der Mauer von Huy endet, ein stattliches Sekundenpolster aufweisen.

Danach folgt der gefürchtete Ritt über das nordfranzösische Kopfsteinpflaster nach Cambrai. Dort endete im Vorjahr nach zwei Stürzen die Tour für den damaligen Titelverteidiger Chris Froome.

Martin ist im gewitterig-schwülen Utrecht ungeduldig. „Wir haben jetzt lange genug theoretisiert. Jetzt will ich auf die Rampe“, schrieb er auf seiner Homepage.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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