Vierschanzentournee
Windregel lässt Skispringer um Zuschauergunst bangen

Einmal abgesehen vom Fußball in der englischen Premier League hatte das Spektakel der Vierschanzentournee rund um den Jahreswechsel bisher keine nennenswerte Konkurrenz beim Kampf um Aufmerksamkeit zu fürchten. Doch ein neuer Modus setzt die alte Regel außer Kraft, dass der gewinnt, der am weitesten springt. Die Skispringer fürchten um ihre Zuschauer.
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HB OBERSTDORF. Gregor Schlierenzauer gilt in der Skisprungszene als einer der klügeren Köpfe - doch das neue Wertungssystem ist selbst für den Star aus Österreich nur schwer durchschaubar. „Um das zu verstehen, braucht man einen Doktor-Titel“, klagt er. Der Internationale Skiverband FIS wollte mit der Berücksichtigung von Winden und Anlauflängen für mehr Fairness sorgen, doch vor dem heutigen Start der 59. Vierschanzentournee in Oberstdorf mehrt sich die Kritik an der Neuerung. Der Boulevard spricht sogar vom „reinsten Schanzen-Schwachsinn“ (Bild).

Sven Hannawald, der 2001 und 2002 als bis heute einziger Springer alle vier Wettbewerbe der Tournee gewann, fürchtet, seine Bestmarke wegen der Reform zu verlieren. „Durch die Regeländerung haben praktisch alle die gleichen Bedingungen. Früher hatten wir mal Glück, mal Pech mit dem Wind, jetzt wird alles gleichgeschaltet. Die Chance, dass es einen Springer gibt, der alle vier Springen gewinnt, ist so groß wie noch nie“, sagt Hannwald.

Gleiche Bedingungen für alle Athleten - das kann allerdings nicht einmal die neue Regel garantieren. Sinn der Veränderung ist es, die gröbsten Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Hat ein Springer mehr Aufwind und damit bessere Bedingungen, werden ihm Wertungspunkte abgezogen, für Rückenwind gibt es Pluspunkte. Außerdem gibt es je nach Anlauflänge mehr oder weniger Zähler.

Beide Faktoren addiert werden dann mit dem Gesamtwert aus Weitenpunkten und Haltungsnoten verrechnet, um so schließlich den Endwert zu erhalten. „Auch für Laien muss das nachvollziehbar sein, aber bei dieser Regel ist das nicht der Fall“, sagt Hannawald. Im Extremfall kann nämlich nun ein Springer gewinnen, obwohl er fünf oder mehr Meter kürzer gesprungen ist als ein anderer. Dem Fernsehzuschauer soll mit der Einblendung einer virtuellen Linie als Zeichen für die zu übertreffende Weite eine Orientierung gegeben werden.

Aktive wie Trainer fürchten nun, dass sich die Zuschauer vom Skispringen abwenden - schlicht, weil es ihnen zu kompliziert wird. „Wir hatten immer so viele Fans, weil Skispringen einfach war.

Jetzt könnten die Leute fragen: Ist es noch sinnvoll, ins Stadion zu gehen?“, sagt Bundestrainer Werner Schuster, der allerdings auch betont: „Für die Sportler ist es ein Segen.“ Weil es das Springen fairer macht - und weil wegen wechselnder Verhältnisse nicht mehr so viele Wettkämpfe unterbrochen oder gar abgesagt werden müssen.

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