Völkerbegegnung im Sächsischen Haus
„Sono pazzi i tedeschi“ – die Deutschen sind verrückt

Zur deutschen Küche halten Italiener gemeinhin Distanz, auch deutscher Bierseligkeit begegnen sie mit Vorsicht. Umso überraschender ist, was sich derzeit am Rande der Olympischen Winterspiele in Turin abspielt.

HB TURIN. Über 1000 Italiener strömen allabendlich ins "Casa Sassonia", ins Sächsische Haus - hin zu Schmalz-Bemme, Schweinebraten und Buttermilch-Schnitte, samt Schwarzbier und einer urigen Sachsen-Band. Die Sache ist so unglaublich, dass italienische Medien schon von einem "Phänomen" sprechen - so recht erklären kann es niemand.

Selbst die Besucher sind sprachlos. "Ich habe so etwas noch nie gesehen", meint Roberto, ein 36-jähriger Computerspezialist. Auf der Bühne heizt eine Band namens "De Erbschleicher" ein, ein Typ mit schräger Brille amüsiert den Saal mit noch schrägerem Italienisch. Vor sich hat Roberto eine Bratwurst, ein helles Bier und einen Kartoffelpuffer. Als die Stimmung zu kochen beginnt, strahlt er nur: "Sono pazzi i tedeschi" - die Deutschen seien einfach verrückt.

Der Andrang ist derart, dass zeitweise Gäste abgewiesen werden müssen. Wer es geschafft hat, muss erst mal Geld wechseln: In der "Casa" gilt der "Sachsen-Taler". Schwerer Andrang herrscht auch vor der Essen-Ausgabe: Kulinarische Highlights sind hausgemachte Eisbeinsülze oder "Hirschkeulenbraten aus dem Neudorfer Forst" samt sächsischen Klößen. Für immerhin umgerechnet 17,50 Euro.

Manche Gerichte sind für Italien so ungewöhnlich, dass ihre Übersetzung so umständlich ist wie für manche Deutsche Spaghetti- Essen: "Gelatina di stinco di maiale" heißt die lange Beschreibung für so etwas simples wie Eisbeinsülze. "Ich bin zum ersten Mal richtig deutsch Essen", berichtete eine ältere Dame im Pelzmantel. "Ma mi piace", aber es gefällt mir.

Fürs Wochenende werben die Sachsen sogar mit einer Disco-Night. "Die Party startet um Mitternacht", heißt es auf Einladungskarten mit einer leicht bekleideten Blondine. Das klingt fast verwegen.

Die "Casa Sassonia" wird vom Touristik-Verband mit Unterstützung der Landesregierung veranstaltet. "Mit dem Andrang haben wir gerechnet", meint die junge PR-Managerin Corinna Fiedler ziemlich selbstbewusst.

Auch im "Casa Thüringen" geht es hoch her, die Thüringer haben ein Zelt im Turiner "Motovelodromo Fausto Coppi" gemietet, einer Radrennbahn mit Steilkurven, auf denen noch Schneereste liegen. Hier gibt es Braten, Sauerkraut und Apoldaer-Bier und natürlich auch die berühmte Bratwurst. Die Gäste verfolgen auf einer Großleinwand die Sportwettkämpfe. Nur die Italiener tun sich hier offenbar ein bisschen schwer, man sitzt an langen Holztischen, die vorherrschende Sprache ist Deutsch. Ähnlich auch im "Deutschen Haus" in Sestriere in den Bergen, wo die Ski- und Rodelstars ihre Interviews geben, Journalisten Stories suchen und Harald Schmidt Witze macht.

"Hier ist die Umgangssprache ganz klar Deutsch", meint ein Besucher. Das ist im "Casa Sassonia", dem Haus der ansonsten eher ungewöhnlichen Völkerbegegnung etwas anders. Schließlich gelten die Sachsen ja als "Italiener Deutschlands", wie ein Gast ausgelassen meint. "Und wir Piemontesen als die Preußen Italiens", fügte die Dame im Pelz hinzu.

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