Vor der Eisschnelllauf-WM in Inzell ärgert sich Claudia Pechstein über den Chef-Bundestrainer
Krank und kritisch

Die genaue Farbe des Zehs ist schwer zu beschreiben, sie wechselt derzeit. Er war mal rot, zuletzt war er grün, in ein paar Tagen wird er wohl braun sein. So lautet die jüngste Botschaft, die Patientin Anni Friesinger in eigener Sache bekannt gab. Es geht hier um den linken Zeh, den hat sich Friesinger beim Weltcup-Finale der Eisschnellläuferinnen in Heerenveen beim Aufwärmen verletzt, als sie gegen eine Eisenstange stieß.

BERLIN. Die Kapselverletzung ist noch nicht ausgeheilt, also tritt sie heute mit Schmerzen an. Aber sie tritt an, das ist klar. Erstens findet die Weltmeisterschaft, die heute beginnt, in Inzell statt. Da lebt Anni Friesinger, die Eisbahn kennt sie bestens. Zweitens findet heute der Wettkampf über 1 500 m statt. Und dort ist sie Titelverteidigerin, auf dieser Strecke ist sie viermal Weltmeisterin und auch noch Olympiasiegerin geworden. Friesinger ist eine der größten Medaillenhoffnungen des deutschen Verbands. Wenn die Schmerzen zu ertragen sind, will sie auf vier Strecken laufen. Bis zu ihrem Unfall war sie über 1 500 m Goldfavoritin, jetzt sind Prognosen schwieriger.

Noch einen Krankheitsfall gibt es im deutschen Team. Claudia Pechstein, die viermalige Olympiasiegerin, hatte Anfang der Woche Grippe. Sie konnte nicht trainieren, und es ist schwer zu sagen, ob sie ihre ausgezeichnete Form einigermaßen halten konnte. Bis zu ihrer Grippe zählte sie über 3 000 m und 5 000 m zu den Top-Favoritinnen. Sie hat in Heerenveen beim Weltcup-Finale über 3 000 und 5 000 m gewonnen, sie hat sich damit auch den Gesamt-Weltcup auf den langen Strecken gesichert. Medaillenchancen haben auch Sabine Völker, Daniela Anschütz und Monique Garbrecht-Enfeldt, aber ihre Chancen sind geringer als die von Friesinger und Pechstein. Und bei den Männern wäre Chef-Bundestrainer Helmut Kraus über einen zehnten Platz von Marco Weber über 10 000 m "schon super super happy".

Aber wahrscheinlich müssen sich Kraus und die Verbandsführung in Inzell noch auf ein ganz anderes Problem konzentrieren als fehlende Medaillen bei den Männern. Denn der Chef-Bundestrainer steht wieder massiv in der Kritik. Claudia Pechstein fühlt sich ignoriert, weil Kraus zwar Journalisten, aber nicht ihr erklärt hatte, dass sie für den Teamwettbewerb nur als Ersatz vorgesehen sei. Auch Robert Lehmann beklagt sich über Kraus? Umgangsformen. Er ist deutscher Vizemeister, aber zur EM durfte er nicht. Die Gründe habe ihm Kraus nie mitgeteilt, sagte Lehmann.

Dass vor allem Pechstein den Chef-Bundestrainer kritisiert, hat Tradition, aber die WM stellt natürlich eine ideale Bühne für ihre Vorwürfe dar. Kraus dagegen beruft sich auf seine Funktion: "Als Chef-Bundestrainer muss ich nicht direkt mit den Athleten sprechen. Dazu habe ich die Heimtrainer." Aber Pechsteins Heimtrainer Achim Franke sagt dazu: "Man muss auch die menschlichen Qualitäten haben, einem Athleten selber zu sagen, dass er nicht nominiert ist. Aber dazu ist Kraus zu feige." Und dass er, Franke, seine Athletin zu informieren habe, kommentiert er drastisch: "Wenn er das so sagt, ist das doch eine überzogene Arroganz und Selbstgefälligkeit."

Pechstein forderte in einem Interview sogar die Ablösung von Kraus. So weit will Franke nicht gehen. "Wir brauchen einen Chef-Bundestrainer. Er leistet viel im organisatorischen Bereich und bereitet Lehrgänge vor. Er sagt uns auch, was machbar ist und was nicht."

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