Wie Katharina Witt mit Kunst und Grazie die olympische Bühne betritt
Das schönste Gesicht des Sozialismus entdeckt die Welt

Katharina Witt betrat die olympische Bühne 1984 mit Kunst und Grazie – und hat sie seitdem nicht wieder verlassen.

TURIN. Noch nie sei jemand mit soviel Schiss Olympiasiegerin geworden, hat Katharina Witt später in ihrem Buch "Meine Jahre zwischen Pflicht und Kür" geschrieben. Jutta Müller, ihre garstige Trainerin hatte sie am Tag vor ihrer Kür erwischt - mit einem Eisschnellläufer auf dem Zimmer. "Dass ich nur mit ihm geredet habe, glaubte mir Frau Müller natürlich nicht. Nicht auszudenken, wenn ich versagt hätte."

Sie versagte nicht. Zur Musik Leonard Bernsteins aus der West Side Story brillierte sie als Maria bei den Olympischen Spielen 1984 in Sarajevo. Und gewann die Goldmedaille. Als Katharina Witt damals Olympiasiegerin wurde, war ihr noch nicht anzusehen, dass sie einmal die erfolgreichste Eiskunstläuferin der Welt werden würde. Von da an polarisiert die junge Frau. "Katharina die Große" nennen sie die einen, "schönstes Gesicht des Sozialismus", die anderen. Selbst das Fußballmagazin Kicker schwärmt, dass der liebe Gott bei ihr eine Sternstunde gehabt haben muss.

Ihre Sternstunde schlägt 1988 bei den Winterspielen in Calgary, in jenem Duell gegen die US-Amerikanerin Debi Thomas, das die Presse zum Klassenkampf Ost gegen West missbraucht. Beide laufen in der Kür zu George Bizets Carmen. Ausgerechnet jenes andalusische Teufelsweib Carmen, das sich den Männern solange hingibt, bis ein eifersüchtiger Liebhaber ihrem Treiben schließlich ein Ende bereitet, dessen Sinnlichkeit Männerfantasien seit Generationen anheizt. Dramatisch gestaltet die Witt das Ende ihrer Kür. Getreu der literarischen Vorlage vollzieht sie den Tod auf dem Eis, am Ende greift sich Carmen an den "bemerkenswerten Oberkörper" (Spiegel) und bettet sich aufs kalte Eis. Sie hatte Gold, und beendet ihre Karriere.

Einmal noch kehrt sie auf die olympische Bühne zurück, 1994 in Lillehammer, wieder ist Jutta Müller an der Bande. Jüngere drehen sich da schon öfter in der Luft, künstlerisch ist ihr keine ebenbürtig. In ihre Kür zu Peter Seegers "Sag mir, wo die Blumen sind" packt sie Entsetzen, Sehnsucht und Mahnung. Die politische Botschaft erinnert an das im Krieg zerstörte Sarajevo. Am Ende reicht das immerhin zu Platz 7.

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