Wie Papa Fischer den Goldlauf seines Sohnes erlebte: Wenn der Vater in den Wald flüchtet

Wie Papa Fischer den Goldlauf seines Sohnes erlebte
Wenn der Vater in den Wald flüchtet

Ein grauhaariger Herr wandert durch den verschneiten Wald bei San Sicario. Ganz allein. In der Hand hat er die Startliste für das olympische 10-km-Biathlon-Rennen, das ein paar Minuten Weg entfernt gerade läuft. Die Liste ist gefaltet, der Knick liegt zwischen Nummer 24 und der Nummer 25, neben der 25 steht der Name Sven Fischer.

HB SAN SICARIO. Wie immer bei den Rennen seines Sohnes verzog sich Willi Fischer - der seinen Sohn auch managed - in den Wald, weg von den aufregenden Bildern: "Sonst halte ich das nervlich nicht durch." Am Dienstag konnte das wohl jeder verstehen. Denn der Junior sorgte dafür, dass das olympische Biathlon-Stadion von San Sicario immer mehr zum Tempel der deutschen Olympioniken wird. Nach Gold für Michael Greis und Bronze für Martina Glagow in den ersten beiden Rennen huldigten die Fans gestern dem Thüringer Sven Fischer: Gold über zehn Kilometer.

Fehlerfrei schoss er, die Laufzeit war glänzend. Es ist der erste olympische Einzeltitel für den Routinier nach 15 Jahren Biathlon-Karriere. Silber und Bronze gingen an die Norweger Halvard Hanevold und Frode Andresen. Dass er etwas Großes geschafft hat, ist Fischer schon beim Zieleinlauf bewusst. Erschöpft sinkt er in den Schnee und bleibt - tief atmend, die Augen geschlossen - minutenlang liegen. Gratulationsversuche der Konkurrente wehrt er ab. "Ich habe für mich die Zeit genutzt, um meine Ruhe zu haben. Die werde ich jetzt nicht mehr haben", sagt der 34-Jährige später - wohl wissend, was die nächsten Stunden ihm bringen würden.

Bundestrainer Frank Ullrich treibt die zweite Goldmedaille für seine Herren die Freudentränen in die Augen: "Für mich ist das heute der allergrößte Tag", sagt Ullrich der 1980 in Salt Lake City die olympische Premiere des Sprintwettbewerbs gewonnen hat: "Wir haben ganz gezielt auf die Spiele hingearbeitet und es ist einfach schön, dass sich das jetzt auszahlt."

Vor allem in der Loipe haben die DSV-Trainer mit ihren Athleten in den vergangenen Jahren viel trainiert. Mit Erfolg: Der Rückstand auf die früher läuferisch klar überlegenen Norweger ist deutlich geringer geworden. So hielt sich Fischer gestern auf der Strecke nah genug an der Zeit von Wunderläufer Frode Andresen. Dieser hatte - belastet durch eine Strafrunde - keine Chance mehr. Dem Zweitplatzierten Hanevold, der nach Bronze über 20 Kilometer bereits seine zweite Medaille gewann, nahm Fischer sogar acht Sekunden ab.

Dabei hatte sich der Schmalkaldener vor dem Start und während des Rennens gar nicht so gut gefühlt. Doch von Beginn an ist er ganz vorne mit dabei. Beim ersten Schießen holt er sich mit einer souveränen Einlage zusätzliches Selbstvertrauen und Kraft für die Mittelrunde. Auch im Stehendanschlag behält Fischer die Nerven und legt den Grundstein für seinen Sieg. Nach 26 Minuten und 11 Sekunden kommt er ins Ziel - und schafft eine Vorgabe, an der sich die gesammelte Konkurrenz die Zähne ausbeißen wird.

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