Wladimir Kramnik vs. „Deep Fritz“
Kuss des Todes

Er wollte kontrolliert und ohne Risiko auf Gewinn spielen. Doch dann ließ Wladimir Kramnik eine Ecke des Schachbrettes außer Acht – und beging einen Anfängerfehler, den Supercomputer „Deep Fritz“ nicht ungestraft ließ. Ob sich der geknickt wirkende Weltmeister vor der nächsten Partie von seinem Blackout erholt, bleibt abzuwarten.

BONN. Wer die „Guggenheim Collection“ in der Bonner Bundeskunsthalle betritt, sieht sogleich „Entscheidendes Rosa“, ein Bild von Wassily Kandinsky. Der Meister hatte im Jahr 1932 unter anderem ein dreieckiges Schachbrettmotiv auf die Leinwand gepinselt. Wladimir Kramnik, der Schachweltmeister, ist ein Kunstliebhaber, er wird sich die Ausstellung aber erst nächste Woche ansehen können, weil er zurzeit noch mit dem Supercomputer „Deep Fritz“ beschäftigt ist, genau eine Etage unter Guggenheims Meisterwerken.

Am Montagabend muss jedoch auch Kramnik das Schachbrett einen Moment lang nur als Dreieck wahrgenommen haben, eine Ecke hatte er im Duell mit „Deep Fritz“ völlig außer Acht gelassen – unglücklicherweise jene, in der sein König stand. Nach einer bis dahin stark vorgetragenen Partie zog Kramnik im 34. Zug seine Dame nach e3. Offenbar träumte er von einem entscheidenden, ja rosaroten Gewinnzug. In Wirklichkeit war es ein unbegreiflicher, schachhistorisch einmaliger Fehler: Der Weltmeister hatte ein einzügiges Matt übersehen!

Als Mathias Feist, Bediener von „Deep Fritz“, daraufhin die Dame nach h7 schwang, wo sie Kramniks König einen sogenannten Kuss des Todes verpasste, durchzuckte es den Weltmeister. Von den Zuschauerrängen waren Laute des Entsetzens zu vernehmen und auch Gelächter.

Das geschlagene Genie gratulierte seinem Gegenüber, unterschrieb das Partieformular, fasste sich noch einmal an die Stirn und verschwand. „So etwas ist mir noch nie passiert, ich habe überhaupt keine Erklärung dafür“, sagte Kramnik. Er habe sich gut gefühlt und die Variante mit dem scheinbar krönenden Abschluss lange zuvor berechnet und immer wieder geprüft gehabt. „Das sah alles so gut für mich aus, und dann bin ich matt in einem.“ Auch Fritz’ Bediener hatte es allerdings nicht gleich gesehen. „Auf dem Monitor leuchtete plötzlich ‚Matt’ und ich dachte, ist jetzt der Computer kaputt oder was?“, sagte Feist.

Vor der heutigen dritten Partie führt „Deep Fritz“ mit 1,5:0,5 Punkten. Es bleibt abzuwarten, ob sich der geknickt wirkende Weltmeister von seinem Blackout erholt. Eher unwahrscheinlich, dass er den Rückstand in den verbleibenden vier Partien noch in einen Vorsprung verwandeln wird, was neben einer halben Million Dollar Antrittsprämie mit einer weiteren halben Million vergütet würde. Am Montagabend machte er sich selber Mut und wies darauf hin, dass der Spielstand keinesfalls den Spielverlauf widerspiegele. „Ich habe in der ersten Partie Druck gemacht, und ich habe heute wieder Druck gemacht, man kann wirklich nicht behaupten, dass mir Fritz überlegen ist“, sagte Kramnik. „Ja, es stimmt, ich hätte ein Remis erzwingen können, aber ich sah keinen Sinn darin, ich konnte doch ohne Risiko auf Gewinn spielen.“

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