Zeichen des Widerstandes
Geschichte in Bungalow 906

Heute vor 40 Jahren rebellierte John Carlos bei den Olympischen Spielen gegen den Rassismus in den USA. Gemeinsam mit Landsmann Tommie Smith reckte er während der Siegerehrung die Faust in die Luft, als Zeichen des Widerstandes der "Black-Power-Bewegung". Heute scheint die Geste des Leichtathletiktrainers und Sonderpädagogen in Vergessenheit geraten.

PALM SPRINGS. Die Eingangshalle der Palm Springs High ist ein kleines Museum. An zwei Wänden ist aufgelistet, was Schüler und Schule seit der Gründung 1938 alles vollbracht haben. Jede Dekade ist bebildert, Zeitungsausschnitte zeugen von großen Momenten, wie denen der 16 Jahre alten Schwimmerin Lynette Lim, die vor zwei Monaten für Singapur bei den Olympischen Spielen in Peking startete. Über John Carlos schweigen die Wände jedoch.

Rund 500 Meter entfernt, einmal quer über den Schulhof und links an der Bibliothek vorbei, steht Bungalow Nummer 906. Dort verbringen Schüler ihre Strafen, dort sitzt auch John Carlos, 63 Jahre alt, stämmig und muskulös, Frisur und Bart sind grau. John Carlos ist Leichtathletiktrainer und "Sonderpädagoge", er überwacht die Sühnezeit und hat das vielzitierte offene Ohr für die Probleme des alltäglichen Teenager-Lebens. Und er ist eine Legende. Bei den Olympischen Spielen in Mexiko 1968 reckte er an der Seite seines Landsmannes Tommie Smith während der Siegerehrung als Symbol des Widerstands der "Black-Power-Bewegung" gegen den Rassismus in den USA die Faust in die Luft. Politische Gesten seien verboten, urteilte damals das Olympische Komitee und verwies beide der Spiele. Vielleicht ist das der Grund, weshalb John Carlos im Museum fehlt.

Vielleicht aber auch, weil kaum einer der Schüler weiß, wer sie da in 906 beaufsichtigt. Als die Pausenklingel läutet und die beiden Schüler im Raum ihre Sachen packen, sagen sie an der Türschwelle, John Carlos sei ein guter Lehrer. Und Mexiko 1968? "Ah, stimmt, die Geste." Ja, das hätten sie in einem Buch gelesen. John Carlos muss schmunzeln, als er das hört. Ab und an, sagt er, kommen Schüler zu ihm und wollen wissen, ob er der Mann mit der Faust sei. Er müsse dann immer von damals erzählen, von jenem 16. Oktober, dem 200-Meter-Lauf und der Siegerehrung danach. "Es war Zeit, etwas zu tun und es war der perfekte Moment", erzählt Carlos. "In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung sind die Rechte der US-Bürger niedergeschrieben. Diese galten damals jedoch nicht für uns Farbige. Wir hätten nirgendwo sonst darauf aufmerksam können, als beim Abspielen unserer Hymne." Als er anschließend aus dem Stadion ging, so Carlos, "habe ich mich als freier Mann gefühlt."

Noch heute erinnert er sich an jedes Detail. An den Weg vom Tunnel hinüber zum Siegerpodest. Den gingen er und Smith barfuß, um darauf hinzuweisen, dass es weltweit unzählige farbige Kinder gibt, die sich keine Schuhe leisten können. Oder an den Moment, als er seine linke Hand mit dem schwarzen Handschuh zur Faust ballte und gen Himmel streckte. Und an die Folgen, die jene Geste des zivilen Ungehorsams damals für ihn hatte. Er wurde beleidigt, ihm wurde gedroht und er wurde arbeitslos. 1970 nahm sich seine Ehefrau Kim aus Verzweiflung das Leben.

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