Zuschlag für London löst in Deutschland neue Diskussion um mögliche eigene Olympiabewerbungen aus
Mehr als nur eine Niederlage für Paris

Während London nach dem Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele 2012 jubelt und mit einem Investitionsschub rechnet, versinkt Frankreichs Hauptstadt Paris in Tristesse. Die Entscheidung hat auch eine politische Dimension: Als größte Verlierer gilt nämlich Präsident Jacques Chirac.

brc/ali/mth SINGAPUR. Denn die Entscheidung des IOC gilt als Sieg des britischen Premierministers Tony Blair und empfindliche Niederlage für Chirac, der sich in Singapur noch persönlich für Paris eingesetzt hatte. „Der große politische Verlierer ist Jacques Chirac“, sagte Michaël Cheylan, Experte der französischen Denkfabrik Institute Montaigne, dem Handelsblatt. Nach der Niederlage beim Referendum über die EU-Verfassung habe der Präsident mit der Olympiabewerbung versucht, „seine letzte außenpolitische Karte auszuspielen. Das ist gründlich misslungen.“ Die Entscheidung des IOC gegen Paris werde Chiracs Popularität in der französischen Bevölkerung noch weiter sinken lassen. Cheylan hält es jetzt für ausgeschlossen, dass Chirac bei der nächsten Präsidentenwahl im Jahr 2007 erneut antreten wird.

Blairs Sieg im Olympiaduell ist für Chirac auch deshalb besonders schmerzlich, weil sich die beiden seit Wochen eine europapolitische Fehde liefern. Der britische Premier attackiert am entschiedensten die EU-Agrarsubventionen, von denen Frankreichs Bauern am meisten profitieren. Im Gegenzug kritisiert Chirac am schärften den „Briten-Rabatt“. In den vergangenen Jahren flossen aus der EU-Kasse jeweils rund 4,5 Mrd. Euro an Großbritannien zurück. Wegen des Streits zwischen Blair und Chirac konnte der letzte EU-Gipfel in Brüssel keine Einigung über den künftigen Haushalt der Europäischen Union erzielen.

Blairs Ansehen in der britischen Bevölkerung ist zuletzt wegen seiner kompromisslosen Europapolitik und des Aussetzens des ursprünglich für 2006 geplanten EU-Verfassungsreferendums gestiegen. Die Entscheidung des IOC löste gestern in der britischen Hauptstadt Jubelstürme aus. Allerdings hat die Vergabe der Spiele an London keine unmittelbare Bedeutung für Blairs politische Zukunft. Der Premier hat bereits erklärt, er strebe keine weitere Amtszeit an.

Der Premier hatte zwar wegen des gestern Abend begonnenen G8-Treffens nur noch per Videoschaltung während der entscheidenden Präsentation in Singapur für London geworben. An den beiden Vortagen hatte er allerdings in Singapur mit mehr als 50 IOC-Mitgliedern gesprochen und sie von den Qualitäten der britischen Hauptstadt überzeugt. Französische Delegationskreise bezeichneten Blairs Lobbyarbeit als „aggressiv“.

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