Anstoß - Die WM-Kolumne
Der griechische Samariter

Es gibt nicht nur Bösewichte im Fußball. Im Schatten des uruguayischen Schurken Suárez hat ein Grieche am Dienstagabend ein Zeichen für die Menschlichkeit auf dem Platz gesetzt. Ein Rückblick. Mit Pathos.
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Es war einer dieser vermeintlich unbeobachteten Momente im Fußball. Während die Kameras, die Objektive, die Augen auf das Offensichtliche gerichtet sind, spielen sich in diesem Sport mitunter die viel schöneren Geschichten ab. Im Fokus am Dienstagabend: Mann beißt Mann. Das Ausscheiden Italiens aus der WM in Brasilien überstrahlte die übrigen Spiele des Abends. Und die Attacke Luis Suárez' gegen Giorgio Chiellini ist nach wie vor Gesprächsthema Nummer eins – unter Fußballfans, in sozialen Netzwerken, den Medien.

Eigentlich schade.

Im Schatten der epischen Schlacht der Reiter von Rohan (Italien) gegen die Uruk-hai (...) ereignete sich ein kleines Wunder. Die ewig abgeschriebenen Griechen (gilt nicht nur für den Fußball) kämpften sich mit Herz gegen die eigentlich favorisierten Ivorer zum ersten Mal in ein Achtelfinale der WM. Wohlgemerkt, als bis dato erst drittes europäisches Team neben den Niederlanden und Belgien.

Dass sich hier keine Sensation wie bei der Europameisterschaft 2004 andeutet, dürfte den Griechen selbst am klarsten sein. Der Kader alt, die offensiven Möglichkeiten beschränkt. Aber die – erstaunlich fair geführte – Partie gegen die Elfenbeinküste war auf ihre Art ein Highlight. Schon früh mussten die Hellenen verletzungsbedingt zweimal wechseln. Leidenschaftlich hielten die Ivorer dagegen. Fast das gesamte Spiel hindurch hätte nur ein Tor über Wohl und Wehe der Teams entschieden. Allein die Griechen scheiterten mehrfach knapp am Aluminium.

Die Entscheidung fiel erst in Nachspielzeit. Ein Elfmeterpfiff, der zunächst für helle, dann für hellenische Aufregung sorgte. Auf den ersten Blick sah es so aus, als hätte sich Giorgos „Georgios“ Samaras selbst in die Hacken getreten. Die Zeitlupe zeigte, dass Sio den Griechen in der 92. Minute entscheidend beim Torabschluss stört – der Schiedsrichter lag goldrichtig. Der Gefoulte trat selbst an, verwandelte eiskalt und ließ sich umgehend von einer Jubeltraube begraben.

Samaras, der international wohl erfolgreichste offensive Grieche, der Mann aus dem kretischen Heraklion, einer, der für Manchester City spielte und seit sechs Jahren für Celtic Glasgow aufläuft, feierte. Zurecht. Schließlich war klar, dass sein Tor gerade den sportlich größten – und einzigen – Erfolg seit 2004 eingeleitet hat.

Doch dann tut er etwas, was der Seele des Spiels guttut. Eine Geste, die – sprichwörtlich, nicht buchstäblich – mehr Eindruck hinterlässt als der Biss eines Suárez. Samaras geht nach Abpfiff geradewegs auf den ivorischen Torhüter Barry zu. Der ist, ebenfalls verständlich, untröstlich. Die größte Spielergeneration seines Landes steht vor dem Ruhestand. Eine Chance wie diese – vielleicht kommt sie nie wieder.

Samaras beugt sich zu ihm hinunter, legt die Hand auf Barrys im Rasen vergrabenen Kopf und tröstet. Was er in diesem Moment gesagt hat, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich ist es auch unwichtig. Aber der fair geschlagene Gegner war dem „Samariter“ in diesem Moment wichtiger, als das Zelebrieren des eigenen Erfolgs. Niemand hätte ihm übel genommen, hätte er es nicht getan. Er tat es aber dennoch.

Es ist nur eine Geste, kein biblisches Gleichnis. Aber mehr als eine Randnotiz: Ein Beweis, dass der Fußball seine Seele noch nicht verloren hat.

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