Anstoß – Die WM-Kolumne
Die Ära eines Endes

Spanien ist raus, Tiki Taka fährt nach Haus. Denn Tiki Taka ist out. Die iberischen Herrscher des Balls haben den Gegnern jahrelang vorgemacht, wie man Fußball spielt. Die Gegenreaktion führt jetzt zum Wachwechsel.
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Verfall ist per Definition ein schleichender Prozess. Ein plötzlicher Verfall ist faktisch ein Zusammenbruch. Man kann sich darüber streiten, welcher Begriff auf die Vorstellung der spanischen Fußballnationalmannschaft bei der WM in Brasilien zutrifft. Es ist wie der Einsturz eines kunstfertigen Bauwerks: Tragende Mauern, innerlich von Rissen durchzogen - der unbeteiligte Betrachter erschrickt, der Experte hat die Anzeichen zur Kenntnis genommen, sich aber beim Zeitpunkt verschätzt.

Was das heißt? Das Aus für Spanien ist eine Sensation. Aber keine, die aus dem Nichts kommt.

Seit Ende der WM 2006 hat die „Furia Roja“ den Weltfußball praktisch nach Belieben dominiert. Das beruht auf einer pro Spielergeneration einmaligen Konstellation: Ein Verband, der auf eine der stärksten Ligen der Welt zählen kann (Primera Division). Ein international erfolgreicher Verein, der auf heimische Spieler und Trainer setzt (FC Barcelona). Spieler, die eine anspruchsvolle Ausbildung mit einmaligem Talent verbinden (Iniesta, Xavi, Alonso, Ramos, Casillas). Und Trainer, die begriffen haben, wie diese Spieler den effizientesten Fußball spielen (Aragones, Del Bosque, Guardiola).

Die Idee hinter dem System ist so einfach, wie praktisch kompliziert umzusetzen: Hoher Ballbesitz unterbindet gegnerische Chancen, Kurzpasspiel unterbindet Fehler, die Kombination führt zwangsläufig zum Torerfolg. Ruhe bewahren, eigene Fehler minimieren, gegnerische Fehler erzwingen. Unzählige Mannschaften, in Ansätzen einschließlich der DFB-Auswahl, haben sich an der Imitation dieses System die Zähne ausgebissen. Also folgte die Gegenbewegung: Spätestens seit 2008 tüfteln die Nationalcoaches weltweit daran, ein Mittel gegen die Spanier zu finden.

Unbewusst, ungewollt haben die Iberer so eine Evolutionsstufe des Fußballs in Gang gesetzt. Wer glaubte, dies wäre Tiki Taka, wurde spätestens durch den Auftritt Chiles eines Besseren belehrt. In taktischer und läuferischer Perfektion zeigte das oftmals - auch vom Autor - unterschätzte Team aus Südamerika, wie jedem Gegner beizukommen ist. Und wie heute auch die vermeintlich Kleinen nur noch wenige Große fürchten müssen.

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Man bedanke sich bei Jürgen Klopp

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  • Schöner Artikel, bravo !

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