Anstoß – Die WM-Kolumne
German Angst

Man ist wieder wer, als Fußball-Deutschland. Die Welt windet sich in Angst vor – einer sympathisch auftretenden DFB-Truppe. Im Finale treffen die breitesten, aber gegensätzlichsten Brüste des Turniers aufeinander.
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Vorab muss einmal gesagt sein: Brasilien, es war nichts Persönliches. Es war keine Sache Europa gegen Südamerika. Keine Prinzipienfrage. Keine Demontage der Demontage wegen. Brasilien hat sich als guter Gastgeber erwiesen – das ist ausdrücklich nicht auf die sieben zugelassenen Treffer bezogen. Die Art, wie die deutschen Spieler nach Schlusspfiff ihre Gegenüber trösteten, zeigte: Danke für alles. Entschuldigen musste sich natürlich keiner.

Warum auch? Die Seleção war zur falschen Zeit am falschen Ort. Es hätte an diesem Abend in Belo Horizonte jedes Team treffen können. Blenden wir für einen Moment aus, dass es der Gastgeber war, der im Halbfinale der Heim-WM ausgeschieden ist. Geschlagen wurde eine taktisch miserabel eingestellte Mannschaft, die von einem Superstar abhängt, der verletzt fehlte.

Die DFB-Elf stellte sich seelenruhig in den anfänglichen Sturm, ließ die wilden, nicht ungefährlichen Angriffswellen an den defensiven Klippen zerschellen, schaute sich die Situation an und nutzte die erste Standardsituation mit einem perfekt gezirkelten Eckstoß (Anm. d. Red.: ja, in der ersten Version haben wir uns hier der Illusion eines Freistoßes hingegeben. Die vielen Tore belasten.) in den Raum auf Müller zur frühen Führung. Brasilien reagierte überrascht, aber wütend. Die Räume ergaben sich, das deutsche Präzisionsteam um Toni Kroos sezierte die gegnerische Hintermannschaft mit klugem Blick und nutzte jede sich bietende Gelegenheit. Jede.

Zwölf  deutsche Schüsse kamen aufs Tor, sieben davon gingen rein – ohne Torwartfehler, wohlgemerkt. Brasilien hatte mehr Ecken, mehr Ballbesitz, eroberte mehr Bälle, hatte weniger Ballverluste, beging weniger Fouls und schloss öfter ab, 18 Mal sogar. Dennoch zweifelte ab Minute elf niemand an der Feldüberlegenheit der DFB-Equipe.

Das ist das, was Angst macht. Nicht den deutschen Fans. Nicht dem deutschen Team. Den anderen. German Angst mal andersrum.

Das hat nichts, oder zumindest wenig, mit irgendeiner Form des Nationalstolzes zu tun. Schließlich geht es nur um 22 Leute, die einem überteuerten Spielgerät hinterherlaufen, dabei – wenn sie verlieren – viel zu viel Geld verdienen und – wenn sei gewinnen – mit abgöttischen Liebesbekundungen überschüttet werden, weil sie ein Stück Kunststoff mit 340 km/h in die Maschen getreten, geballert, gemüllert, gehummelst, gesonstwast haben. Wem das Freude bereitet (dem Autor zum Beispiel), soll das gerne feiern.

Rein fußballerisch betrachtet, von nüchtern kann ja keine Rede sein, kann von einem Lehrstück die Rede sein. Von einer Mannschaft, die auszog, alle anderen das Fürchten zu lehren. Und das noch nicht einmal so gemeint hat. Niemand hatte die Absicht, ein Debakel zu errichten. Es war das, was vor allem britische Zeitungen dem Team als „Gnadenlosigkeit“ ausgelegt haben.

Kommentare zu " Anstoß – Die WM-Kolumne: German Angst"

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  • Mir ist, wie bei jedem Tunier, völlig egal, ob Deutschland ins Viertel-, Halb- oder Ganz-Finale kommt. Völlig wurscht. Hauptsache wir hauen die Holländer und vor allem die (...) weg!

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Wie kann man Bitte bei der DFB Elf von einer Equipe sprechen? Das geht gar nicht, da könnte man Jogi auch als Bondscoach bezeichnen!!!! (nur vorsorglich, dies ist rein auf den Fußball und seine Gegebenheiten bezogen.)

  • Also ich habe beim 1. Tor einen Eckstoss von Kroos gesehen und keinen Freistoß .

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