Anstoß – die WM-Kolumne
Heulen ja, aber nicht übertreiben

Bei der WM in Brasilien fließen so viele Tränen wie selten zuvor. Das kullernde Nass auf den Wangen der Kicker zeigt: Der Mythos vom Fußball als Männersport schlechthin bröckelt. Eine Medaille mit zwei Seiten.
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DüsseldorfAußer bei Begräbnissen wird in der Öffentlichkeit eigentlich nicht geweint. Bevor im Kino das Licht ausgeht, muss die Rührung aus den Augen gewischt sein und wer in der Schule heult, ist unter Garantie ein Streber. Die Träne ist Tabu. Oder besser: war Tabu. Die Fußball-Weltmeisterschaft belehrt uns eines Besseren.

Denn dort fließen so viele Tränen wie schon lange nicht mehr. Brasiliens Superstar Neymar und dem Ivorer Geoffroy Serey Dié kamen jeweils während der Nationalhymne die Tränen, US-Profi Anthony Brooks heulte sich nach dem Last-Minute-Sieg gegen Ghana an der Schulter eines Teamkollegen aus und Uruguays Luis Suarez bekam nach seinem Doppelpack gegen England feuchte Augen. Szenen, die noch vor gar nicht so langer Zeit undenkbar waren.

Doch die Ära der harten Naturburschen mit Wildwuchs unterm Arm, die nach jedem Ballkontakt den Rasen vollrotzen, ist vorbei – und mit ihr die Tabuisierung der Gefühle. Manche reden von einer zunehmenden "Feminisierung" des Fußballs und spielen dabei auch auf die zur Schau getragene Eitelkeit vieler Kicker an. Denn es ist kein Zufall, dass Frisuren auf Pressekonferenzen mittlerweile genauso Thema sind wie Taktik oder Aufstellung.

Gezupft, gegelt, geschniegelt – so läuft der moderne Fußballspieler auf. Bei Deutschland passt selbst Bundestrainer Löw als Strenesse tragender Werbebotschafter für Pflegeprodukte in dieses Muster. Menschgewordenes Sinnbild dieses Zeitgeistes ist allerdings Portugals Ausnahmefußballer Cristiano Ronaldo, bei dem nicht nur die einstudierte Freistoßpose stets perfekt sitzt, sondern auch die Frisur – bei jeder Grätsche.

Das Armani-Unterwäschemodell mit eigener Kleidungskollektion schießt nicht nur viele Tore, Ronaldo vergießt auch viele Tränen (zum Beispiel hier, hier oder hier). Das Problem dabei: Er tut es oft, öffentlich und hemmungslos – und ist bei weitem nicht mehr der Einzige.

Der Trend zum Flennen ist im Kern ein guter. Nimmt er allerdings Ausmaße wie bei Ronaldo an, droht er Gefühle abzunutzen und beliebig zu machen. Szenen wie die tränenreichen Abschiede von BVB-Legende Dede oder Jupp Heynckes drohen durch die neue Jammerkultur austauschbar zu werden.

Keine Frage: Fußballer dürfen heulen. Tränen sind Ausdrucksmittel der Emotionalität, und die gehört zum Fußball dazu wie der Ball oder das Tor. Ohne Emotionen würde der Sport seinen Sinn verlieren. Doch Achtung: Der Gefühlsraum ist schnell übersättigt. Das zeigen auch die negativen Reaktionen auf Ronaldos Geschluchze bei der WM.

Deshalb hier der Appell an alle Fußballer, die nah am Wasser gebaut sind: Auch wenn am Ende des Turniers 31 Verlierer zurückbleiben – reißt euch am Riemen. Gerötete Augen und verheulte Gesichter dürfen nicht zum Programm werden. So viel Traurigkeit verträgt der Fußball nicht.

Michael Verfürden
Michael Verfürden
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter

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