Anstoß – Die WM-Kolumne
Ich habe eine Fahne

Zu jeder WM gehören die WM-Songs. Dazu bedarf es heute eigentlich keiner besonderen Fähigkeit mehr – mit Ausnahme einer exhibitionistischen Ader vielleicht. Und ausgerechnet Krawall-Rapper halten die Fahne hoch.
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DüsseldorfHeiße Rhythmen, Fan-Gesänge und Lebensfreude. Die Musik gehört zum Fußball. Genau wie die wilden Frisuren zum ehemaligen nigerianischen Nationalspieler Taribo West oder eine Gruppe volltrunkener Engländer in einer Stadionkneipe. Kein Wunder, dass auch vor der Weltmeisterschaft in Brasilien der Musik-Markt mit WM-Songs überflutet wird. Aber das Geschäft hat auch seine Schattenseiten. Im schlimmsten Fall gibt es Ohrenschmerzen bei den Hören, Hohn und Spott bei den Künstlern. Es gibt aber auch diejenigen, die die dicke Keule schwingen und durch Musik ihre Kritik an der WM äußern – und dafür Applaus ernten.

Deichkind feat. Das Bo – „Ich habe eine Fahne“

Deichkinds Musik ist fetzig – und vor allem laut. Passend zur WM gibt es wieder etwas auf die Ohren: den Anti-WM-Song „Ich habe eine Fahne.“ Das Video zum Lied demonstriert alle hässlichen Gesichter des großen Sportevents: Homophobie, Fifa-Korruption, Nationalismus. Gleichzeitig reizt Deichkind und Das Bo ziemlich witzig den Assoziationsraum des Fantums aus. Ob die berühmten Panini-Sammelalben, Star Wars und Monty Python oder Edward Snowden. Das Video liefert so viel Themen, dass der Zuschauer es sich am besten mehrfach ansieht, um die genialen Anspielungen zu verstehen. Dass natürlich auch Alkohol und wilde Exzesse ein Thema sind, gehört bei Deichkind dazu und füttert die Anspielung „Ich habe eine Fahne.“ Das ist jetzt nicht in aristotelischem Sinne tiefgründig, aber eine ganze Ecke mehr, als der eindimensionale Veitstanz, den manche Konkurrenten aufs sprichwörtliche Parkett legen, um Aufmerksamkeit und Verkaufserfolge zu erzielen. Randbemerkung: Den Deichkind-Song gibt es als kostenlosen Download.

Melanie Müller – „Deutschland schießt ein Tor!“

„Auf geht's“, schreit Melanie Müller ins Mikro. Ihr Blick wandert nach links und schnurstracks zurück in die Kamera. Im Hintergrund wackeln drei weitere Damen durch den Strafraum, die so tun, als spielten sie Gitarre und Schlagzeug. Auffällig bei den schnellen Körperfinten der Frauen: Der Rest der Band trägt weitgeschnittene Deutschland-Trikots! Keine hautengen Fetzen! Ob das so abgesprochen war? Nur Frau Müller ziert ihren Köper im engen Dress, in dem sie nun anfängt, hinter dem Ball her zu irren. Eins nimmt ihr keiner: die Hauptdarsteller-Rolle. Die Dschungelkönigen und Ex-Bachelor-Teilnehmerin hat eine Vergangenheit als Erotik-Darstellerin. Nach einem kurzen Ausflug in die Pornowelt stellte die 26-Jährige aber fest, dass ihre Liaison eine Sache war, „die ich nur kurze Zeit gemacht habe und die nun für mich abgeschlossen ist“. Ein Satz, der beim zweiten Mal noch viel besser klingen würde. Melanie, hau ihn raus. Für all die Hörer, die dich nachts in ihren Träumen sehen und vor Schreck weinen.

Aische – „Deutschschalalalaland“

Es gibt einen Song, der ist tatsächlich noch einfallsloser als der von Melanie Müller. „Deutschschalalalaland“ von Pornodarstellerin „Aische Pervers“ könnte als billige Kopie von Melanie Müllers Song durchgehen. Mit dem feinen Unterschied, dass Aische auch an den Produktionskosten sparte und das Video selbst drehte. Die 28-Jährige präsentiert sich – mal ausnahmsweise – in kurzen Klamotten, wechselt immer wieder das Outfit und macht.. – ach, so recht wissen wir auch nicht, was sie da treibt. Aber irgendwie scheint es nicht nur darum zu gehen, dass das Runde irgendwie in das Eckige muss. Wenigstens dauert der „Spaß“ nicht 90 Minuten. Licht aus, gute Nacht!

Vengaboys – „2 Brazil“

Wer sich wohl das Video der Vengaboys ausgedacht hat? Vielleicht Aische, Michaela Schäfer und Silvio Berlusconi zusammen. Auf jeden Fall gerät die Musik beim Hit „2 Brazil“ etwas in den Hintergrund. Denn das Video wird bestimmt von, nennen wir es Mal, schick dekorierten Brüsten, die hopsen, kreisen, rotieren. Ist nicht so pralle – das Lied natürlich. Ob es wohl die verklausulierte Intention ist, den Fußball auf das Wesentliche zu reduzieren? Man muss nicht zwingend dem Feminismus zugetan sein, um hier den Kopf zu schütteln. Vor allem weit entfernt von typischen Vengaboys-Songs wie „Boom boom boom“ oder „We are going to Ibiza“, die 17-jährige Teenies nachts um Zwölf auf irgendwelchen Partys brüllen, ehe der DJ Justin Bieber auflegt und die Vengaboys in der Schublade verschwinden. Die Gefahr besteht auch bei diesem Song.

Fritz – „Haut ihn rein“

Einen haben wir noch in Petto: Fritz, der bekannt wurde durch sein grandioses Lied „Thüringer Klöße“, hat mal wieder einen rausgehauen. „Haut ihn rein“ heißt der Titel dieses erneuten Meisterwerks, bei dem der kleine Strolch mit Sonnenbrille, Hawaiihemd und Cocktail im Liegestuhl posiert und dafür sorgt, dass sich die Mama nach Veröffentlichung des Videos nicht mehr zum Einkaufen in den Supermarkt traut. Einen Rat ans Elternhaus: Servieren sie dem putzigen Jungen mehr Thüringer Klöße. Dann ist er still und baut nicht so einen Blödsinn.

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