Anstoß – Die WM-Kolumne
Kein Gringo muss im Regen stehen

In Brasilien wird Gastfreundschaft groß geschrieben. Gut, im Deutschen auch. Aber unser Kolumnist hat die Erfahrung gemacht, dass die Brasilianer einen nicht im Regen stehen lassen – sprichwörtlich wie buchstäblich.
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Da stehen wir also. Im Regen. Klatschnass an einer Straße irgendwo unter eine Palme in Recife. Es ist Winter in Brasilien. Regenzeit. Taxen bei diesem Wolkenbruch zu bekommen? Nahezu unmöglich. Nein, man fahre nicht (mehr) Richtung Stadion. Zu voll, zu viel Wasser auf den Straßen. Erklärungen, mit denen wir uns zufrieden geben müssen, aber nicht anfreunden können. Schließlich soll in drei Stunden das letzte deutsche Gruppenspiel gegen die USA angepfiffen werden. Allein, von der Strandpromenade Boa Viagem bis zur Arena Pernambuco sind es schlappe 20 Kilometer. Wir wollen uns schon fast auf den Rückweg machen, als uns plötzlich eine junge Brasilianerin aus einem Kleinwagen zuwinkt, an einer Ampel wartend. „Kommt schnell ins Auto. Wir nehmen euch mit“, fordert sie uns auf Englisch auf. Wie? Meint sie etwa uns, die nassgeregneten Gringos? Es ist das goldene Los. Der Hauptgewinn. Der Jackpot. „Hallo ihr beiden. Kommt rein. Wir nehmen euch mit zum Stadion“, begrüßt uns Ilana. Sie schäme sich für ihr gebrochenes Englisch, entschuldigt sie sich sogleich. Sie spreche gut Englisch, erwidern wir, viel besser als manch anderer Brasilianer.

Derartige Regengüsse, berichten Ilana und ihr Freund Marcelo, seien in der Regenzeit vollkommen normal. Wir sollten uns keine Sorgen machen, wir werden pünktlich im Stadion sein. Sie nehme uns gerne mit. Nein, aber Fotos, „bitte macht keine Fotos von dem vielen Wasser und den schlechten Straßen. Das ist nicht Recife“, bittet sie. Sie wolle nicht, dass wir Deutschen ein falsches Bild von ihrem Land, ihrer Stadt bekämen. Wir erzählen ihr, dass wir über die Proteste und die Vorbehalte hierzulande gegenüber dem großen Fußball-Event sehr gut informiert seien. Ilana ist beruhigt. Sie vertraut uns – genauso wie wir ihr. Und doch: Je näher der Anpfiff rückt und je länger wir unterwegs sind, desto unruhiger werden wir. Die Hymne verpassen? Gar den Anpfiff? Geht nicht. Ilana und Marcelo indes sind die Ruhe weg. Pfeifen und Singen internationale Songs aus dem Radio nach und preschen im VW Golf durch die Sturzbäche auf den Straßen, als machten sie den ganzen Winter nichts anderes.

Brasilianer eben: Haben eine Engelsgeduld und lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Mit Erfolg: Nach einer zweistündigen Odyssee über Recifes überschwemmte Straßen erreichen wir pünktlich die Spielstätte außerhalb der Stadt. Wir spüren das unbedingte Bedürfnis, den beiden wenigstens 30 Reais, umgerechnet etwa zehn Euro, als Dank zu überreichen. „Nein, nein, bloß nicht. Wir wollen das nicht. Ihr seid doch unsere Gäste“, winken Ilana und Marcelo ab. Mehr noch: Sie wollen uns später wieder mit zurück in die Stadt nehmen.

Wir verabreden uns nach dem Spiel. Ob wir jetzt noch was unternehmen wollten? Vielleicht etwas essen? Nein, winken wir ab. Wir seien noch verabredet. Aber erst einmal ins Hotel – duschen und trocknen. Ok, schmunzelt Ilana enttäuscht. Aber eine Sache wolle sie uns unbedingt noch zeigen. Das sei ihr wichtig. Wir fahren zu einem Marktplatz an der Boa Viagem. Hier, erzählt Ilana, sei sie aufgewachsen, um die Ecke, in einer der Häuser. Und da drüben, in der kleinen Kirche, sei sie jeden Sonntag gewesen. Ihre Augen funkeln. Ilana bleibt an einem Marktstand stehen. Sie kauft zwei Schlüsselanhänger und überreicht sie uns. „Ein kleines Andenken an uns und Brasilien.“ Und während sie das ausspricht, kullern kleine Tränen.

Es ist jene Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Offenheit, die das große Turnier in Südamerika für manch konservativen und kritischen Gringo derart unvergesslich machen. Ilana wird später erzählen, dass sie gerne auch einmal nach Europa reisen würde. Sie sei Studentin, habe im Moment noch nicht viel Geld. Aber wenn sie erst einmal einen guten Job habe, dann wolle sie unbedingt nach Übersee fliegen – auch nach Deutschland. Sie habe schon so viel Schönes darüber im Fernsehen gesehen. Eines ist nach dieser Begegnung klar: Wir werden sie genauso offenherzig und gastfreundlich empfangen.

Victor Fritzen
Victor Fritzen
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter

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