Anstoß – Die WM-Kolumne
Obacht, es müllert wieder

Das Testspiel gegen Kamerun hat gezeigt: Spielwitz und Ineffizienz sind zu deutschen Tugenden geworden. Das „müllern“ hat man dennoch nicht verlernt. Und: Tim Wiese lebt.
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1. Es gibt gleichwertigen Ersatz für Tim Wiese

Torhüter sind Paradiesvögel. Petar Radenković, Sepp Maier, Jorge Campos, René Higuita, Luis Chilavert, jeder Keeper, den Gerry Ehrmann je ausgebildet hat – die Reihe last sich beliebig fortsetzen. Tim Wiese war in den vergangenen Jahren ein wenig die Speerspitze dieser liebenswerten Irren, dieser Menschen, die in jedem Spiel einen Milzriss riskieren und dafür als einsame Wölfe des Fußballs jede Extravaganz verziehen bekommen. Während Wiese mittlerweile Maßstäbe als Bodybuilder setzt, müssen aktive Kollegen die Tradition ausgefallener Kleidung fortführen. Kameruns Torhüter Charles Itandje entschied sich in Mönchengladbach für ein dezentes Telekom-Magenta, sein Gegenüber Roman Weidenfeller durfte, wie manch seiner Vorderleute, mit einem türkisen und einem purpurnen Schuh auflaufen. Es scheint ein guter Sommer für Individualisten, aber ein schlechter für Ästhetiker zu werden.

2. Jérôme Boateng betreibt Eigenwerbung

Der Bayern-Verteidiger wird gerne auf der defensiven Außenbahn eingesetzt. Schon mehrfach hat Boateng deutlich gemacht, dass er das eigentlich nicht möchte. Beim HSV musste er lange auf die Flügel ausweichen, auch in der DFB-Auswahl wird der 1,92-Schlacks gerne auf Flankenlauf geschickt. In der Vergangenheit  fanden seine Hereingaben über das halbe Spielfeld  erschreckend oft Abnehmer (gleiches gilt für seine Steilpässe aus der eigenen Hälfte), gegen Kamerun hatte Jérôme offenbar endgültig den Kanal voll. Er gab auf der Außenbahn in der Rückwärtsbewegung nur Geleitschutz, ließ seine Kollegen innen mehrfach blöd aussehen und fand offensiv nicht statt. Blöd nur, dass ihm die Flanke zum 1:1 aus dem Fußgelenk gerutscht ist. Insgesamt ist aber klar: Der Münchener möchte zurück in die Innenverteidigung. Mit allen Mitteln.

3. Ein Test ist ein Test ist ein Test

Gertrude Stein schrieb einmal: „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.“ Unter Joachim Löw hat sich eine analoge Regel für Freundschaftsspiele entwickelt: Wenn Jogi testen kann, testet er. Gegen Kamerun bot sich eine ganze Reihe an. Lohnen sich lange Bälle, wenn kein kopfballstarker Stürmer in der Spitze steht? Haben Neonfarben negative Auswirkungen auf die Sehkraft der Fernsehzuschauer? Wie viele Fouls braucht es für eine gelbe Karte? Welchen Knopf muss man bei Mesut Özil drücken, damit er funktioniert? Viele der Erkenntnisse aus dem Test sind für den Trainer wichtiger als für die deutsche Fußballseele. Zum Beispiel, das Ergebnisse vor der WM völlig egal sind.

4. Alte Tugenden

Im Basketball gibt es den schönen Begriff des „Small Ball“. Beschrieben wird damit eine Aufstellung technisch versierter, aber nicht sonderlich hochgewachsener Spieler, die das Spielgerät über Distanzwürfe und Passspiel in den Korb zaubern, statt es krachend hinein zu wuchten. Der DFB lief gegen Kamerun mit einer Elf auf, in der kein Spieler unter 1,76 war. Zum Vergleich: Lionel Messi kommt als bester Fußballer des Globus auf gerade einmal 169 Zentimeter. Die „langen Kerls“ versuchten sich dennoch an sportlicher Magie, verzauberten sich allerdings am laufenden Band – bis Podolski, Schürrle und Müller die Bälle schließlich, nun, reinmüllerten. Wenn die DFB-Auswahl nun özilt und götzelt und trotzdem über Kampf gewinnt – ja, was soll da eigentlich noch schiefgehen?

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