Anstoß – Die WM-Kolumne
So darf sich ein Gastgeber nicht aufführen!

Die WM hat nach dem Witz-Elfmeter für Brasilien den ersten Schiri-Skandal. Weitaus schlimmer aber ist das Verhalten des Gastgebers gegenüber den Unparteiischen. Das setzt die überforderten Referees noch mehr unter Druck.
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Na, was war denn da in den braven Herrn Nishimura gefahren? Wie konnte der japanische Schiedsrichter diesen Elfmeter pfeifen, der den Gastgeber auf die Siegerstraße brachte? Ein leichtes Zupfen, ein Witz. Einer WM unwürdig. Gentlemen hätten über das folgende 2:1 nicht mal gejubelt. Am Ende siegte Brasilien 3:1 gegen Kroatien.

Und das überaus glücklich. Denn auch in der Szene vor dem 1:1 hätte der Schiedsrichter anders entscheiden können: Als Neymar den Ellbogen ausfuhr, hätte bei strenger Regelauslegung die rote statt der gelben Karte geben können. Dann wäre das Spiel zweifellos anders verlaufen.

Nun passieren Fehler eben. Die Schiedsrichter stehen noch stärker unter Druck als die Sprühdosen, mit denen sie nun bei Freistößen die Mauer stellen müssen. Viele von ihnen sind das Niveau nicht gewöhnt: In der japanischen Liga geht es weit weniger rasant und intensiv zur Sache wie in der Champions League und eben bei der Weltmeisterschaft. Damit müssen alle Teams gleichermaßen leben, aber für den Zuschauer ist es einfach ärgerlich. Bleibt zu hoffen, dass es sich für alle Teams – die benachteiligten wie die bevorteilten – im Laufe des Turniers einigermaßen ausgleicht.

Nun hätte man für das Eröffnungsspiel einen Schiedsrichter wählen können, der mit so intensiven Spielen tag-täglich vertraut ist. Aber das wirklich Erschütternde war das Verhalten der Brasilianer während des gesamten Spiels: Was gerade der erfahrene Trainer Luiz Felipe Scolari da am Spielfeldrand aufgeführt hat, war kaum noch zu ertragen: Bei unwichtigsten Szenen sprang er teilweise aus der Coachingzone, fuchtelte mit den Armen und beschimpfte die Unparteiischen, die ja ohnehin für ihn pfiffen.

Unverantwortliches Verhalten mancher Brasilianer

Und das wirkte ansteckend: Seine Spieler machten mit, forderten Karten in lächerlichen Situationen, und auch das Publikum wird so provoziert. Dieses Verhalten ist eines Gastgebers nicht würdig – egal um wie viel es geht. Aber vor allem ist es unverantwortlich angesichts des Drucks, unter denen die bisweilen ohnehin überforderten Schiedsrichter stehen.

Natürlich hat ein Unparteiischer die Demonstrationen auf Brasiliens Straßen gesehen. Und selbstverständlich weiß er, dass eine Niederlage des Gastgebers, zum Beispiel eingeleitet mit einer roten Karte für Neymar, die miese Stimmung fördert. Warum muss man es dem Schiedsrichter durch so unsportliches Verhalten noch schwerer machen? Da kann man den Grün-Gelben nur wünschen: Besinnt euch auf euer „jogo bonito“ und benehmt euch, wie es sich für einen Gastgeber gehört!

Thorsten Giersch
Thorsten Giersch
Chefredakteur Business bei der Verlagsgruppe Handelsblatt / Geschäftsführer digital bei planet c

Kommentare zu " Anstoß – Die WM-Kolumne: So darf sich ein Gastgeber nicht aufführen!"

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  • Das Fordern von gelben Karten kann man ganz einfach unterbinden:

    Indem man demjenigen, der sie fordert auch eine gibt. Die brasilianische Frauenfußballerin Marta hat bei einer WM so schon einmal eine Gelbe kassiert. Das hat dann auch gewirkt.

    Offensichtlich ist der Frauenfußball in dieser Hinsicht schon weiter

  • und ich hab schon gedacht der Artikel würde das äußerst brutale Vorgehen der Militärpolizei gegen 60 WM-Demonstranten problematisieren. Nix da! 4 Wochen nur Fussball! Menschenrechtsverletzungen mit Blendgranaten in Brasilien sind genauso uninteressant jetzt wie der Phosphorbomben-Angriff Poroschenkos auf Zivilisten in der Ukraine. Armes Handelsblatt. Wer liest dich eigentlich noch? Anscheinend nur noch Fussballfans.

  • und ich hab schon gedacht der Artikel würde das äußerst brutale Vorgehen der Militärpolizei gegen 60 WM-Demonstranten problematisieren. Nix da! 4 Wochen nur Fussball! Menschenrechtsverletzungen mit Blendgranaten in Brasilien sind genauso uninteressant jetzt wie der Phosphorbomben-Angriff Poroschenkos auf Zivilisten in der Ukraine. Armes Handelsblatt. Wer liest dich eigentlich noch? Anscheinend nur noch Fussballfans.

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