Anstoß – die WM-Kolumne

So geh'n die Andern

Warum ist ein Erfolg erst dann komplett, wenn ein anderer gedemütigt wurde? Die deutschen Weltmeister sollten wissen, dass eine Feier auch ohne Häme Spaß macht. Gerade, weil sie bei der WM vorbildlich aufgetreten sind.
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Gehen so die „Gauchos“? Auch gewinnen will gelernt sein. Quelle: dpa

Gehen so die „Gauchos“? Auch gewinnen will gelernt sein.

(Foto: dpa)

Da ist sie hin, die schöne Euphorie. Ich bin einer von den Miesepetern. Den Gutmenschen. Ich habe einen Stock dort, wo die Sonne nicht scheint. Zumindest, wenn ich den Antworten auf meine Kommentare in den Sozialen Netzwerken glauben schenken mag. Weil ich ein ungutes Gefühl habe, wenn eine Gruppe sichtlich betrunkener deutscher Nationalspieler sich vor Millionen Zuschauern über einen bereits fair geschlagenen Gegner unverhohlen lustig macht.

Die ganze Inszenierung des Spektakels rund um den Empfang des DFB-Teams hinterlässt einen merkwürdigen Beigeschmack. Anstelle der spontanen Feiern auf dem Balkon des Frankfurter Rathauses ist, zum zweiten Mal nach 2006, die verlängerte und als Bühne genutzte Fanmeile in Berlin getreten. Kein Jürgen Klinsmann, der angeheitert „Football’s coming home“ anstimmt, obwohl es niemand mitsingen kann. „Atemlos durch die Nacht“ ist die Hymne dieses Vormittags, gesungen, auch live, von Helene Fischer. Der wohl größte deutsche Hit der vergangenen Jahre. Mitschmettern können ihn Millionen.

Oliver Bierhoff stand nach der Europameisterschaft 1996 zusammen mit Klinsmann in Frankfurt auf dem Balkon. Als Siegtorschütze und Held, wie jetzt Mario Götze. Der eigenwillige, aber natürliche Charme einer Gruppe Fußballer, die sich nach einem Triumph losgelöst ihrer Freude hingibt, scheint dem Teammanager nicht gereicht zu haben. Das Event in Berlin wird bejubelt, bleibt aber immer eins: eine Inszenierung. In kleinen Grüppchen holen sich die Spieler ihren Applaus ab. Und singen ein Lied, was seit 2008 jeder kennt, aber schon damals für Unmut gesorgt hat.

WM-Kolumnist Alexander Möthe: Zumindest den Ball hat er meist sicher im Griff.

WM-Kolumnist Alexander Möthe: Zumindest den Ball hat er meist sicher im Griff.

„So gehen die Deutschen“ sang damals Blödelbarde Oliver Pocher, auch diesmal wieder eng am dran DFB-Team. Wie die Deutschen gehen? Aufrecht, beschwingt, triumphierend. Schon der Chef-Einpeitscher auf der Fanmeile sorgte beim Warm-up dafür, dass die Menge begriff, dass „31 Mannschaften verloren haben“ – das sind „die Anderen“. Und die gehen mit hängenden Köpfen und Schultern. Weil sie verloren haben.

Ist das nicht Strafe genug? Deutschland hat in Brasilien ein spielerisch gutes, faires und als Mannschaft sympathisches Turnier gespielt. Kaum in Deutschland gelandet, feixen gestandene Nationalspieler gegen den bezwungenen Gegner Argentinien. Spieler, die sich ihren Sieg anständig erkämpft haben und auf ihre Leistung natürlich stolz sein dürfen, vielleicht auch müssen. „So gehen die Gauchos“, rund um den ernüchterten Weltfußballer Lionel Messi, der vielleicht nie wieder eine Titelchance bekommt. Darüber muss niemand Tränen vergießen. Aber Respekt wäre angebracht. Gerade von einem Anführer wie Bastian Schweinsteiger, der während des Turniers vorbildlich Stars wie Ronaldo, David Luiz oder Karim Benzema getröstet hat. Gerade von Oliver Bierhoff, der weiß, wie man anständig gewinnt – und als Spieler auch brutal verliert.

Mit Deutschland sonst im Reinen
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21 Kommentare zu "Anstoß – die WM-Kolumne: So geh'n die Andern"

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  • Es gibt Fans, die freuen sich, weil die eigene Mannschaft gewinnt.

    Es gibt auch Fans, die freuen sich nur, weil die andere Mannschaft verliert.

    Für die war die Gaucho-Nummer.

    Persönlich empfinde ich Spott der Gewinners über die Verlierer regelmäßig als peinlich und habe mich kopfschüttelnd gefragt: Was soll denn der Quatsch jetzt?

  • Eine Entgleisung. Der DFB sollte sich entschuldigen und auf den Übermut der jungen Leute verweisen!

    Wir wollen nicht aus dem Blick verlieren, dass sich unsere junge Mannschaft während des ganzen Turniers vorbildlich verhalten hat. Das war für junge Leute eine lange Zeit.

    Jetzt haben sie über die Strenge geschlagen. Die Entschuldigung ist angesagt und in wenigen Monaten haben sie die Chance mit ihrem "Gegner" Argentinien den Scherz geradezurücken.

    Drücken wir die Daumen, dass die junge Mannschaft und der DFB diese Chance erkennt und den Fall bereinigt.

  • Sehr geehrter Keil,

    das möchte ich gerne beantworten: Herr Bierhoff hat sich 2008 sinngemäßg geäußert, dass künftig bei derlei Anlässen vom DFB mehr Einfluss auf das Programm ausgeübt werden müsse. Hintergrund war der Empfang der Elf, die das EM-Finale gegen Spanien verloren hatte, in dessen Verlauf Oliver Pocher gemeinsam mit dem Team "So geht der Torres" angestimmt hatte. Damals waren sich die Offiziellen, die Medien und ein nicht unerheblicher Teil der Öffentlichkeit einig: Eine sinnfreie Aktion. Sechs Jahre später ist Bierhoff als Teammanager immer noch hauptverantwortlich für die Auftritte der Elf. Die Aktion, in diesem Fall aus meiner Sicht wiederum sinnfrei, aber darüber lässt sich ja, wie die Diskussion zeigt, trefflich streiten, wiederholt sich.

    2008 ganz vorne mit dabei: Bastian Schweinsteiger. Der Spieler, der bei der WM 2014 wie kein Zweiter die Vorbildfunktion ausgefüllt hat - einschließlich Trost für Lionel Messi. Es fällt wieder in die Rubrik "Ich hätte mir gewünscht": Ein kleiner Hinweis von Schweinsteiger an seine Teamkameraden, die Aktion von damals vielleicht nicht zu wiederholen.

    Denn auch die Spieler haben zweifelsfrei mitbekommen, dass die Fanmeile schon im Vorfeld mit "So gehen..." beschallt wurde.

    Herzlichen Dank für das Feedback!

    Mit besten Grüßen

    Alexander Möthe

  • Sehr geehrter Herr Möthe,
    hätten sich die Spieler meiner Meinung nach diese Einlage sparen können? Sicher. Muss deswegen in der Medienlandschaft daraus so eine große Nummer gemacht werden? Sicher nicht.

    Allerdings unabhängig davon ob ich in diesem Punkt Ihre Meinung teile stört mich ein anderes Detail Ihres Artikels doch sehr. Sie schreiben das gerade von Schweinsteiger und Bierhoff mehr Respekt zu Erwarten gewesen wäre. Beide waren NICHT Teil der Gruppe die diesen "Tanz" aufführten, von daher finde ich es äußerst bedenklich das diese von Ihnen bewusst in ein falsches / negatives Licht gestellt werden.

  • Ich finde es wirklich schade, dass "mein" Handelsblatt auch auf diesen Zug des Aufschrei der ach so intellektuellen Medien aufspringen musste. Alles wird versucht einem mies zu machen, als Fortuna Fan erinner ich nur allzu gern an das Aufstiegsspiel. Gerade ihr als Düsseldorfer müsstet doch wissen, dass dies der falsche Weg ist! Ihr setzt euch glaub sehr wenig mit Fußball und Fanszenen außeinander. Das nächste mal gibts dann halt eben einen Gottesdienst wenn wir vielleicht Europameister werden sollten... ach nee, dann fühlen sich ja wieder andere Ethnien und Religionen benachteiligt...also gibts einfach gar nichts mehr. Wer ein Haar in der Suppe finden will, der findet auch eins...

    Argentinien sag ich nur: wer austeilt muss auch einstecken können! Wir haben jahrelang eingesteckt und selbst jetzt teilen wir nicht wirklich aus.

    Ich schätze euch wirklich sehr...aber ihr bleibt ein Handelsblatt, also kümmert euch besser nicht um den Sport...da lese ich sowieso lieber den Kicker oder viel besser: ich mache mir selber ein Bild und fahre zigtausend Kilometer im Jahr für Fußballspiele!

  • Nein, ich bin natürlich der einzige Fan im Block, der bei Schmähgesängen stets die Arena verlässt. ;) Natürlich kenne ich die überwältigenden Emotionen im Fußball, im Stadion. Ich erinnere mich auch noch an unseren "Lumpi" mit der bengalischen Fackel in der Hand. Das finde ich als Fan in dem Moment nicht schlimm. Der DFB hingegen seinen Statuten gemäß schon. Und als Journalist muss (und will) ich es entsprechend auch tun. Die Trennung zwischen Fußballer und Fan ist oft schwierig. Aber Ausfälligkeiten auf dem Platz werden nicht umsonst bestraft. Da möchte ich, ich weiß nicht, ob "man muss", hart differenzieren zwischen dem Fußballer als Privatperson und in dem Moment als Teil eines öffentlichen Auftritts. Es geht letztlich nur um eins: Fairplay. Und davon werde ich immer ein großer Freund bleiben. Als Fan und als Journalist.

    Mit besten Grüßen

    Alexander Möthe

  • Lieber Herr Papewalis,

    sicherlich, da haben Sie vollkommen Recht. Ich kann mich nicht in die emotionale Lage versetzen, wie es sich anfühlt, Weltmeister zu sein. Aber ein jeder fühlt einen Erfolg im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten. Ich möchte nicht behaupten, dass eine 14:0 Niederlage gegen die Jugend von Union Solingen sich genauso schlimm anfühlt wie ein verlorenes WM-Finale. Aber ich kann es auch nicht ausschließen, natürlich völlig überspitzt ausgedrückt.

    Die Implikation "ich wünsche mir" ist durch den gesamten Rahmen gegeben. Es ist eine Kolumne, ein Kommentar, also ein Meinungsstück. Es ist mein Standpunkt, meine Beobachtung. Und es obliegt jedem, diesen zu teilen oder mir zu widersprechen. Das wird nicht zwingend meinen Standpunkt ändern. Das soll aber in dieser offenen Diskussion auch nicht Ihren ändern.

    Wie gesagt: Es liegt mir fern, es einer Weltmeistermannschaft übel zu nehmen, ausgelassen zu feiern. Ich bleibe aber auch bei meinem Standpunkt, dass es zwei völlig unterschiedliche Dinge sind, was Personen ds öffentlichen Lebens privat machen oder bei einem offiziellen DFB-Event.

    Mit besten Grüßen

    Alexander Möthe

  • Hallo Herr Möthe,
    Danke für Ihre Antwort, die einiges deutlicher macht.

    Ich werde versuchen, angemessen darauf zu reagieren.

    1. Nein, Sie können sich der Emotionen bei Siegern & Verlieren nicht bewusst sein, weil es bei Ihnen nie wirklich wichtig war; es ging nie wirklich um etwas (im Fußballer-Leben). Haben Sie keine zumindest nationalen Auswahlturniere gespielt, (Sportschule Wedau, Länderjugend. Als Beispiel), können Sie diese Emotionen auf Grund mangelnder Erfahrung nicht nachvollziehen; und somit den emotionalen Teil nicht bewerten.

    2. Von „ich hätte mir gewünscht“ kann in Ihrem Artikel keine Rede sein; Sie urteilen. Ob Ihnen das wirklich obliegt, entscheiden am besten Sie selbst.

    3. Es kann immer noch nicht von Respektlosigkeit gesprochen werden; weil es keine war. Vielleicht fehlt Ihnen auf Grund des Mangel aus 1. einfach die Vorstellungskraft, warum man so etwas macht, wie der Gegner damit umgeht, welche zwischenmenschlichen Haltungen „Sieger & Gegner“ daraus entstehen. Es gibt einfach Themenbereich, zu denen kann nicht jeder einen sinnvollen Beitrag leisten; vielleicht ist dieser Bereich der Ihre.
    Können Sie sich nicht vorstellen, dass Messi – wäre er dabei gewesen – vllt sogar mitgemacht hätte? Sogar beim deutschen Teil? Unabhängig von einer aktiven Teilnahme an der Performance hätte die komplette argentinische Mannschaft mit unseren Jungs 30 Min nach dem Auftritt an jeder Theke der Welt ein Bier getrunken. Das jedoch, so scheint es, verstehen Sie überhaupt nicht.

    Positiv: Sie haben bereits einen 4ten Stern. Ich muss leider noch 4 Wochen warten; meine malerischen Fähigkeiten erlauben keine Alternative.

    VG,
    Sascha Papewalis

  • Gerade als Fortuna Fan müssten Sie doch dann wissen, wie es im Stadion zu geht. Ich selbst bin Anhänger des KSCs und war letzte Saison gegen Fortuna im Stadion. Die Dinge die dort ausgetauscht wurden waren mit Sicherheit heftiger als das Liedchen unserer Nationalelf. von den Derbys zwischen Köln und Fortuna will ich gar nicht sprechen, dass wissen Sie selbst noch viel besser. Und behaupten Sie bitte nicht, dass Sie nie in euphorischer oder negativer Stimmung über den Gegner hergezogen sind. Und jetzt ziehen Sie bitte einmal selbstkritisch die parallele zu unseren Nationalspielern und ob das Lied nun wirklich moralisch so verwerflich ist. Ich denke nein.

  • Lieber Leser,

    die konkrete Frage mag ich gerne beantworten: Ich bin seit dem Abstieg in die 2. Bundesliga Dauerkarteninhaber von Fortuna Düsseldorf. Im Stadion habe ich zweimal den Aufstieg und einen Abstieg miterlebt.

    Mit freundlichen Grüßen

    Alexander Möthe

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