Anstoß – Die WM-Kolumne
Stoppt die stereotype Berichterstattung!

Die DFB-Elf spielt katastrophal, die Leistung ist unerklärlich. Boateng sprintet nur, wenn er muss, Özil ist ein wandelndes Phlegma. Sprache sagt viel über unser Denken aus. Ein Plädoyer für einen kritischeren Umgang.
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Teamchef Rudi Völler wiederholte es gebetsmühlenartig, Nationaltrainer Joachim Löw macht es subtiler – die Botschaft ist die gleiche: Es gibt keine „kleinen“ Fußballnationen mehr. Und schon gar nicht im Achtelfinale einer WM-Endrunde, könnte man anfügen. Das leuchtet ein. Geht aber an der sprachlichen Realität und am Denken von so manchem Fußballfan und Experten vorbei. Denn das ist von stereotypen Schubladen geprägt.

Niemand käme auf die Idee, im Achtelfinale der Champions League von einem „Freilos“ zu sprechen. Treffen die „großen“ Vereinsmannschaften des Kontinents auf europäische Underdogs, wird vor allem eines: gewarnt. Das gegnerische Team sei bis in die Haarspitzen motiviert, sei hungrig auf Erfolg. Und verfüge über fan(t)a(s)tische Fans, die ihre Mannschaft zu Höchstleistungen anpeitschten.

Treffen die besten (Ausrufezeichen) Nationalmannschaften bei den Weltmeisterschaften aufeinander, kommen andere Reflexe hinzu. Da können der Trainerstab um Löw und Spieler wie Kapitän Lahm noch so vor den spielerischen und kämpferischen Qualitäten des Gegners warnen. Da können Favoriten wie Brasilien, die Niederlande, Frankreich (und jetzt auch Argentinien) ihr Achtelfinal-Aus gerade noch so verhindert haben – in der deutschen Wahrnehmung ist der Gegner nur ein Sparringspartner. Denn sein Name ist Algerien.

Gegen die Nordafrikaner erwartete Fußball-Deutschland von der DFB-Elf nicht nur den Pflichtsieg. Es erwartete nicht weniger als eine Fußballparty, einen Kantersieg, eine Demonstration der Stärke, der eigenen Überlegenheit – einen Grund, sich zu berauschen. Man muss nicht einmal alte, wenngleich immer noch verbreitete Ressentiments gegen einen vermeintlich rückständigen afrikanischen Fußball ins Spiel bringen. Die Erwartungshaltung vor dem Algerien-Spiel war schlicht: arrogant und überheblich.

Sie missachtet den bisherigen Turnierverlauf, macht eine fußballerische Zweiklassengesellschaft auf, die es nicht gibt. Und lässt eine Fallhöhe entstehen, der man nur durch drastische sprachliche Wendungen Herr werden kann. „Katastrophal“ sei sie gewesen, die Leistung der deutschen Elf, „unerklärlich“ der Leistungsabfall, urteilte ZDF-Reporter Béla Réthy nach einem Drittel des Spieles. Was war passiert? War Deutschland ausgeschieden? Lag die Elf mit 0:3 hinten? Fehlten Reporter und Zuschauern die Worte, um eine nicht begreifbare Leistung zu beschreiben?

Kommentare zu " Anstoß – Die WM-Kolumne: Stoppt die stereotype Berichterstattung!"

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  • Interessant:"Eine sprachlich präzise und sachlich richtige Argumentation scheint nicht gewünscht." Dann erscheint das Spiel
    - nach dieser sprachlich präzisen Analyse - in einem völlig neuen Licht. Denn demnach gab der Gegner 110 Prozent.Ergo standen dann ja 12,1 Algerier auf dem Platz. So relativiert sich natürlich die Leistung unserer Helden, die trotz permanenter Unterzahl gegen den Fußball-Giganten aus Nordafrika ins Viertelfinale gestürmt ist.
    Nein, man muss nicht alles schlecht reden. Ebenso gibt es aber auch keinen Grund, eine mäßige Leistung schön zu reden, beziehungsweise schön zu schreiben. Trotz aller Freude über das - natürlich - gute Ergebnis.

  • Natürlich lesen diesen Bericht viele.
    Sie haben mir aus der Seele gesprochen - dafür vielen Dank, Herr Sliepen.
    Mittlerweile stelle ich, phasenweise, den Ton ab, weil mir die aggressive Kommentierung, gehörig auf den Keks geht!

  • Super Bericht. Kann ich nur beipflichten. Spiel war chaotisch. Weil die Deutschen nicht ins Spiel gekommen sind. Und Kommentatoren sollten sich URTEILE über Spieler sparen

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