Argentinien im WM-Finale
Von wegen den Papst in der Tasche

Sie tragen Masken von ihm, halten Bilder in der Hand und besingen seinen Namen. Argentiniens Anhänger zählen vor dem Finale gegen Deutschland auf den Beistand von Papst Franziskus. Der aber bleibt ungewohnt neutral.
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DüsseldorfJeden Monat bucht der argentinische Erstligist San Lorenzo seine Mitgliedsbeiträge ab. Auch bei Jorge Mario Bergoglio, der seit 1946 dem Verein die Treue schwört und kein geringer als Papst Franziskus ist. Ob es nicht ein wenig dreist ist, dem Oberhaupt der katholischen Kirche die Kröten vom Konto zu ziehen? Nein. Franziskus zahlt sein Sümmchen „sehr gewissenhaft“, wie Vereins-Vizepräsident Marcello Tinelli versichert. Mitgehangen, mitgefangen – seit seinem neunten Lebensjahr.

Daran hat auch sein neuer Titel als Papst nichts geändert. Im Gegenteil. Seit seinem Amtsantritt am 13. März 2013 ist der Fußball wieder hoffähig im Vatikan, und alle haben Spaß daran. Der Argentinier lebt für seinen Sport, kickte als kleiner Junge auf den Bolzplätzen von Buenos Aires und galt jeher als Taktikfuchs – was man von seinem päpstlichen Vorgänger Papst Benedikt XVI. nicht behaupten kann. Denn der deutsche Kardinal Ratzinger ist dem Fußball eher abgeneigt. Vielleicht der Grund, weshalb Benedikt und Franziskus nicht zusammen vor dem Fernseher sitzen, wenn die DFB-Auswahl am Sonntag im Finale der WM auf Argentinien trifft.

Sport als Anlass für Brüderlichkeit

Zumindest aber Bergoglio wird gespannt in den TV schauen, wohl aber nicht im Trikot der Albiceleste. Das Oberhaupt der katholischen Kirche machte vor dem Finale deutlich, es werde weder für Deutschland noch für Argentinien beten. Dem Wunsch einer päpstliche Intervention für das Schicksal der argentinischen Mannschaft kommt der Papst also nicht nach. Stattdessen sucht er den diplomatischen Weg – genau wie Kardinal Ratzinger. Beide Kirchenmänner wünschen dem besseren Team den Sieg, ohne dabei Partei einzunehmen, sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Ein leichter Rückschlag für die vielen Fans der Albiceleste, die in Brasiliens Stadien immer wieder durch Franziskus-Masken auffallen.

Messi und Co. sind also ganz auf sich gestellt. Ohne geistlichen Beistand ihres Landesmannes. Einige Worte gibt es vom Papst dennoch mit auf den Weg. „Sport soll immer Anlass für Brüderlichkeit und menschliches Wachstum sein“, lautet Franziskus' Gebetsanliegen an alle Katholiken. Schon zu Beginn der Fußball-WM hatte der Papst die Hoffnung geäußert, dass das Turnier „in einem Geist wahrer Brüderlichkeit“ ausgetragen werde. Vor dem Cup ist nach dem Cup. Ob die Zeilen des Oberhauptes erhört werden, zeigt sich nach dem Spiel.

Gehör findet Bergoglio auf jeden Fall bei den Anhängern seines Lieblingsclubs San Lorenzo. Erst 2008 hielt er die Messe während der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum – damals noch als Erzbischof von Buenos Aires. Im Stadtteil Almagro wurde der Club aus dem Boden gestampft. Und wer würde als Gründer besser infrage kommen, als Pater Lorenzo Massa. Damals gründete der Geistliche den Verein, der in Argentinien nun zu den „cinco grandes“ gehört. Den großen Fünf in der Primera Division. Mehr als 40.000 Mitglieder zählt der Club.

Messi und Co. besuchten Papst im letzten Jahr

Als neunjähriger Steppke stand Bergoglio zum ersten Mal auf der Tribüne, umringt von heißblütigen Fans, an der Seite von Papa Mario. Der spielte damals schon im Club, allerdings für die Basketballer. Jorge Mario aber entschied sich für den Fußball, verpasste kaum ein Spiel in seinen jungen Jahren. Die Leidenschaft hält an. Passend zu seinem Amtsantritt 2013 gewann seine große Liebe die argentinische Meisterschaft. Und weil der Papst nicht spontan nach Südamerika fliegen konnte, lud er zu seinem Geburtstag eine sechsköpfige Delegation des Clubs ein. Auch Lionel Messi und die argentinische Nationalmannschaft wurde bereits zu einer Audienz nach Rom geladen. Letztes Jahr vor einem Testspiel gegen Italien.

Vielleicht haben sie sich dort den Segen für die große Mission „Weltmeistertitel“ geholt. Nur noch ein Schritt fehlt ihnen, um den Pokal in den Nachthimmel von Rio de Janeiro zu stemmen. Ein Extra-Portion geistlichen Beistand gibt es aber nicht. Denn passend zum Endspiel schweigt das impulsive Herz des argentinischen Fußballfans, der nicht nur emotional, sondern auch ganz diplomatisch kann – zumindest für 90 Minuten.

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  • Was heist hier schon Papst - Benedikt lebt und macht die Sache mit seinem Chef natürlich für Deutschland klar.
    Also Kinners - 7:1 gegen Brasilien. Braucht es da noch Worte dafür wer im Vatikan das Höschen unter dem Ornat an hat?
    Also wenn der neue Hilfspapst tatsächlich kein gutes Wort für Argentinien einlegt - sehe ich da zappenschwarz. Klares 7:0 für Deutschland.
    Wenn Franziskus doch noch klammheimlich in der Sixtinischen eine Kerze anstecken sollte - sollte ein respektables 2:3 für Argentinien drin sein.
    So lange Benedikt lebt - No chance for Argentina!

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