WM-Kolumne Doppelpass
Daumen drücken für den Protest

Das größte Sportereignis der Welt steht vor der Tür: Die Fußball-WM. Doch das Fest wird überschattet von Protesten, Widerstand gegen Korruption und Maßlosigkeit. Zeit, dass die Weltmeisterschaften sich endlich ändern.
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Es gehört inzwischen leider zu den Eigenheiten von Sportgroßveranstaltungen, dass einem die Vorfreude darauf fast im Halse stecken bleibt. Besonders als narrischer Fan. Und ich bin ein solcher Fan, seit Kindesbeinen an: vom Sport im Allgemeinen, aber von Fußball ganz im Speziellen. Weltmeisterschaften! Das waren und sind für mich Hochämter der Fußballkultur, und ich verpasse fast kein einziges Spiel. Fußballweltmeisterschaft in Brasilien? Das müsste doch dann eigentlich wie Geburtstag und grüner Wahlsieg in einem für mich sein. Und so war auch der Plan. Ein rauschendes Fußballfest vor Ort an der Copacabana, und fast ebenso rauschend bei mir in Berlin beim Public Viewing.

Doch spätestens seit den Winterspielen in Sotschi, aber eigentlich bereits seit den Sommerspielen 2008 in Peking wissen wir über die Vergabe, die Bedingungen und die Folgen von IOC- oder FIFA-Großereignissen Dinge, die sie uns schlussendlich verleiden: Knebelverträge, Ausgabenrekorde, Arbeitssklaven, Häuserräumungen, Einschränkung von Bürgerrechten, Umweltzerstörung, gnadenloser Kommerz – der Sport hat seine Unschuld verloren.

Doch gerade als Fußballfan will ich das so nicht hinnehmen. Ich will es nicht zulassen, dass korrupte Funktionäre den Sport, den Fußball kaputt machen. Dass sie es so weit treiben können mit ihrem Traum einer jenseits des Gesetzes stehenden Herrschaft, dass sich die Menschen angewidert abwenden von den sportlichen Wettbewerben. Aber ich und Millionen andere Fans weltweit wollen uns nicht abwenden, sondern wir wollen feiern, mitfiebern und leidenschaftlich sein, und wir wollen genau hinschauen, was auf, aber auch neben dem Platz passiert. Und wir wollen darüber reden. Laut und deutlich!

Und genau das wollen auch die Menschen in Brasilien. Sie gehen zu Tausenden auf die Straßen, weil sie nicht bereit sind, zu Ehren der FIFA die Kulisse für ein Fußballfest des Ausverkaufs herzugeben. Und weil sie beides wollen: Fußball und ein besseres Leben. Und nicht das eine auf Kosten des Anderen.  

Brasilien: Wo der Fußball einst die Leichtigkeit gewann

Wenn morgen die Fußball-WM beginnt und Brasilien gegen Kroatien das Eröffnungsspiel bestreitet, werde ich deswegen wie immer vor dem Fernseher sitzen, dem Ausgang des Spiels entgegenfiebern und am kommenden Montag eine hoffentlich gut aufgelegte deutsche Mannschaft erleben, der ich für das Turnier alle Daumen drücke. Und ich werde auch voller Leidenschaft mit fachsimpeln, ob Löws Nationalelf mehr als einen echten Stürmer im Kader gebraucht hätte, ob die Last-Minute-Verletzung von Marco Reus über die persönliche auch eine nationale Tragödie ist, ob es ein Fehler war, im Vorfeld des Turniers angeschlagene Spieler mitzunehmen, ob man der Mannschaft mehr Ruhe während des Trainingslagers hätte gönnen sollen und welch brasilianischen Fußball die Deutschen inzwischen in der Lage sind zu spielen.

Denn wenn England das Mutterland des Fußballs ist, wo er laufen gelernt und groß geworden ist, dann ist Brasilien jener Ort, dem der Fußball seine ganze Schönheit und Leichtigkeit verdankt. Brasilien, das war immer so etwas wie die fußballerische Muse, die den Sport Mitte der Sechzigerjahre wach geküsst und zu Höchstleistungen inspiriert hat. Unvergessen sind die Auftritte von Pelé oder Zico, die als Nummer 10 ihres Landes die Ästhetik im Fußball revolutionierten. Es ist deshalb ein Armutszeugnis für die FIFA und die brasilianische Regierung, dass ausgerechnet in Brasilien die Mehrheit der Bevölkerung nun gegen die WM im eigenen Land ist. 

Deshalb werde ich ab morgen auch die Daumen dafür drücken, dass der Protest der Brasilianerinnen und Brasilianer an der Missachtung grundlegender sozialer, ökologischer und menschenrechtlicher Werte auch während der WM nicht verstummt und dass die Weltöffentlichkeit diesen Protest auch während des Turniers wahrnimmt. Denn nur so könnte die WM in Brasilien auch eine Chance für die längst überfällige Neuausrichtung von Sportgroßveranstaltungen im Hinblick auf Nachhaltigkeit und demokratische Teilhabe bieten. Die FIFA muss endlich auch aus ihrem politischen Tiefschlaf erwachen und erkennen: Eine andere WM ist möglich!

An dieser Stelle spielen sich die fußballbegeisterte Grünen-Politikerin und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth und der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger gegenseitig verbal die Bälle zu. Im Wechsel erscheint die Kolumne „Doppelpass“ exklusiv auf Handelsblatt Online. Alle „Doppelpass“-Beiträge finden Sie hier.

Claudia Roth
Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestags

Kommentare zu " WM-Kolumne Doppelpass: Daumen drücken für den Protest"

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  • Den Fussball als "Migrations-Medien-Event" interessiert doch nur am Rande.

    Es geht darum uns endlosen "Respect" einzubläuen, Solidarität bis zur Knechtschaft und Finanzmülltonne sowie hausgemachten sozialen Problemen in Deutschland, dass sogar die Polizei resigniert und versagen muss.

    Frau Roth ist doch das Aushängeschild eines Politikers für den die Interessen der Deutschen das letzte in ihrer bisherigen Politik darstellt. Aber sie ist super eingeseift mit Privilegien und Steuergeld. Mich kotzt das an. Ihre Reden immer ein "gebremster Wutanfall" und Zornausbruch wie ein aufbrausender Zuchmeister.

  • @SayTheTruth
    Thema verfehlt. Der immer gleiche Sarmon paßt halt nicht zu jedem Thema.

    Ich kann die Frau Roth zwar nicht verknusen, aber wo sie Recht hat, hat sie Recht. Die ganzen WMs sind doch nur eine Gelddruckmaschine der FIFA zu gunsten Ihrer Funktionäre. Wenn man diese ehrenwerten Herren mit anderen ehrenwerten Herren gleich setzt, so liegt man wohl nicht ganz falsch. Ich hoffe, das die deutsche Mannschaft in der Vorrunde raus fliegt, dann ist wenigstens Ruhe im Karton.

  • Claudia "Fathima" Roth im Handelsblatt...

    "Schweine im Weltall"... :-)))

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