Französische Perspektive
Ein Match unter Freunden

Der Stachel von 1982 sitzt noch tief – trotzdem hegen die Franzosen keinen Groll mehr gegenüber der deutschen Nationalelf. Gewinnen wollen sie das Viertelfinale trotzdem. Ob sie dann wohl erstmals richtig feiern würden?
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Paris„Gutes Spiel und viel Glück!“ Kein Gespräch, kein Telefonat in diesen Tagen geht in Paris zu Ende, ohne dass man als Deutscher freundliche Wünsche mit auf den Weg bekommt. Die Franzosen sehen dem Viertelfinale gegen Deutschland mit Spannung entgegen. Es geht ihnen darum, dass die eigene Elf weiterkommt – nicht vor allem darum, die Deutschen zu schlagen. Aber das eine geht nun mal nicht ohne das andere. Verbissenheit und überzogener Nationalstolz aber sind nicht mit von der Partie. Man hat das Gefühl, dass es um ein Spiel unter Freunden geht.

Die Franzosen mögen uns: 80 bis 90 Prozent von ihnen sehen die Deutschen als ihre besten Verbündeten und Freunde an. Diese Grundstimmung kann auch ein wichtiges Spiel der WM nicht erschüttern. Was dazu kommt: Beim Fußball sind die Franzosen Kaltblütler. Nur langsam nimmt die Begeisterung zu. Wer in Paris oder anderen Großstädten durch die Straßen läuft, sieht kaum Fahnen an den Fassaden hängen. „Das ist immer so, die Leute steigen erst richtig ein, wenn wir das Viertelfinale erreichen oder weiter kommen“, sagt ein französischer Kollege. Befremdlich ist auch die Stille während eines Spiels der „bleus“: Schreit in Deutschland bei jedem Torschuss die ganze Nachbarschaft auf, bleibt es in Frankreich still.

Sogar bei den Siegen der eigenen Equipe blieben große Autokorsos oder Feiern auf den Straßen bislang aus. Das haben allerdings bis zum verlorenen Achtelfinale die zahlreichen Anhänger der Algerier mehr als wettgemacht: Die zogen zu Tausenden durch die Innenstädte, Fahnen schwenkend, Böller werfend und aus lauter Begeisterung auch schon mal ein Motorrad oder Auto anzündend. Ein Alptraum für die gewöhnliche Polizei und die als derb gefürchtete CRS (Republikanische Sicherheitskompanie).

Dabei sind die Franzosen ausgezeichnete Fußballkenner. Viele Gesprächspartner kennen nicht nur das eigene Team genau, sondern wissen auch alles über „le Mannschaft“, wie die deutsche Elf hier genannt wird. Doch es herrscht eine merkwürdige Distanz zu den Spielern unter Trainer Didier Deschamps. Die Spieler der Nationalelf galten lange als unsympathisch, arrogant, pöbelnd und verwöhnt. Das geht zurück auf die Krise von 2010: In der Halbzeit des Spiels gegen Mexiko beschimpfte der Stürmer Nicoals Anelka Trainer Raymond Domenech als „Hurensohn“.

Das bescherte ihm einen vorzeitigen Flug in die Heimat. Darauf aber reagierte die Mannschaft mit einem Streik: Sie weigerte sich, zum Training aufzulaufen. In Frankreich löste die Mischung aus miserabler sportlicher Leistung und Disziplinlosigkeit einen Skandal aus. Sogar in der Nationalversammlung wurden die Vorfälle debattiert. Die Franzosen wollten nichts mehr mit diesem Team zu tun haben, das sie als Schande ansahen.

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